Knatsch ums Grimme-Quartier in Marl

Manuel Pestalozzi
21. Juni 2022
Der Bebauungsplan sieht Wohnbauten mit verschiedenen Typologien vor, die entfernt an eine historische Werkbundsiedlung erinnern. (Plan: Stadt Marl)

Die noch junge Stadt Marl ist in Architekt*innenkreisen bekannt für die Scharounschule und für ihr Rathaus des holländischen Büros Johannes Hendrik van den Broek und Jacob Bakema, die dem Strukturalismus und dem Team 10 nahestanden. In der Kommune im nördlichen Ruhrgebiet gibt es auch Hügelhäuser nach den Plänen der Architekten Roland Frey und Hermann Schröder aus Stuttgart zu bewundern, ebenfalls Zeitzeugen aus der Hochkonjunktur. Die Stadt will sich jetzt weiter entwickeln. Auf ihrer Website sind sechs Neubaugebiete aufgelistet, mit welchen das Wohnangebot verbessert werden soll. Darunter ist auch das Grimme-Quartier, das acht Einfamilienhäuser, sechs Doppelhaushälften, acht Reihenhäuser/Stadthäuser und sieben Mehrfamilienhäuser mit insgesamt ca. 50–55 neuen Wohnungen fassen soll.

Sein Name hat das geplante Quartier vom ehemaligen Bildungspolitiker und Generaldirektor des Nordwestdeutschen Rundfunks (NWDR) Adolf Grimme. Ihm war 1948 von der britischen Besatzungsmacht die Verantwortung übertragen worden, einen freien Rundfunk in einer demokratischen Gesellschaft zu etablieren. Nach ihm wurde das Grimme-Institut Gesellschaft für Medien, Bildung und Kultur mbH benannt, das 1973 gegründet wurde und Marl auch wegen dem Grimme-Medienpreis republikweit bekannt machte. 

Die Neubauten für ein eher gehobenes Wohnangebot sollen in der Nachbarschaft des Instituts entstehen, auf der Fläche des ehemaligen Hallenbads. Das geplante Wohnquartier an der Kampstraße bietet gemäß der Stadtverwaltung „die Chance, die eigene Vorstellung vom Wohnen maßgeschneidert zu realisieren.“ Die Stadthäuser und Stadtvillen lassen sich in Breite und Höhe flexibel anpassen und die Grundrisse nach eigenen Bedürfnissen planen. Der Baubeginn ist noch für dieses Jahr geplant.

Unzulässige Pool-Idee

Nun regt sich aber gegen das Vorgehen der Stadt Widerstand. Die Vermarktung des Grimme-Quartiers durch die Stadt sei in der jetzigen Form rechtlich nicht haltbar, habe das Bochumer Landgericht am Mittwoch signalisiert, berichtete die Marler Zeitung. „Das Ziel scheint in Ordnung, der Weg dahin nicht“, wird Richter Ralph-Ingo Erdmann zitiert. Die Stadt hatte nämlich nach Angaben der 15. Zivilkammer rund 500 Architekt*innen angeschrieben, um auf dem Areal des alten Hallenbades ein Wohngebiet zu errichten, das sich harmonisch in die Umgebung einfügt. 26 von ihnen sollen sich zurückgemeldet haben. 14 wurden in einen Pool aufgenommen.

Nur wer sich unter den Bauwilligen am Pool bediente, sollte auch ein Grundstück erhalten. Dies rief die Architektenkammer NRW auf den Plan, welche das Vergabe-Verfahren rügte. Schließlich kam es zum Prozess. In einem Anschreiben, das im Prozess verlesen worden ist, heißt es: „Nur Architekten aus dem Architektenpool werden für Grundstücksvergaben an den Bauherrn zugelassen.“ Daran hielt sich die Stadt offenbar auch strikt. Ein Interessent, der nach der Vergabe den Entwurf eines anderen Architekten eingereicht hat, wurde schroff in die Schranken gewiesen. Erdmann meint: „Man wird nicht durchsetzen können, dass nur Poolarchitekten interessierte Bauherren vertreten können und alle anderen ferngehalten werden.“ Das würde bedeuten, dass allen anderen die Kompetenz abgesprochen werde. Was dem gesetzlichen Rahmen nicht gerecht werden würde. „Es muss klargestellt werden, dass jeder Architekt zum Zug kommen kann.“

Stadt und Architektenkammer wollen sich gemäß Marler Zeitung nach diesem vorläufigen Urteil noch einmal zusammensetzen, um eine Lösung zu erarbeiten. Welche Auswirkungen das auf die bereits vergebenen Grundstücke haben könnte, ist unklar. Beiden Seiten ist nach eigenen Angaben der Blick nach vorn wichtig. Sollte eine Einigung nicht gelingen, wird der Prozess fortgesetzt.

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