Neuer Baustein am »Band des Bundes«

Katinka Corts
28. Februar 2024
Innenansicht Siegerprojekt (Visualisierung: Atelier Kempe Thill Thörner Kaczmarek Generalplanungsgesellschaft mbH, Düsseldorf mit Atelier Kempe Thill architects und planners, Rotterdam)

Östlich vom Berliner »Band des Bundes« befindet sich der »Luisenblock Ost«, der als Ergänzung im Parlaments- und Regierungsviertel schon seit Jahren neu geordnet und bebaut werden soll. Bereits 2009 hatte es so ausgesehen, dass mit dem Siegerentwurf von Kusus + Kusus Architekten eines zuvor durchgeführten Wettbewerbs eine städtebauliche Idee für das Areal gefunden sei. Es fehlte jedoch schließlich die politische Mehrheit für das Projekt, die geringe Durchmischung auf dem Areal wurde bemängelt und der für die Neubebauung notwendige Abriss des Verdi-Hauses am Schiffbauerdamm 19 kritisiert. 

2021 kam es schließlich zum Neustart des Verfahrens, aufgeteilt in die Bereiche Ost und West. Für den westlichen Arealsteil lobte der Bund den hochbaulichen Realisierungswettbewerb aus, der nun entschieden worden ist. Für den östlich angrenzenden Luisenblock Ost II, für den der Berliner Senat zuständig ist, soll ein städtebaulicher Realisierungswettbewerb für ein darauf aufbauendes Bebauungsplanverfahren ausgelobt werden.

Die Größe des Areals »Luisenblock Ost I« wird mit rund 15500 m2 angegeben. Zwei denkmalgeschützte Gebäude galt es bei der Planung des Neubauvolumens, das Ausschusssitzungssäle, Büroflächen, Logistikbereiche und Gastronomie umfasst, zu berücksichtigen. Für den nicht offenen, einphasigen Wettbewerb mit vorgeschaltetem Bewerberverfahren reichten schließlich 16 Büros ihre Beiträge ein, zur Teilnahme beworben hatten sich 67 Bürogemeinschaften.

Wie auch beim Wettbewerb für die Residenz der Deutschen Botschaft Tel Aviv setzte die Auslobung des Realisierungswettbewerbs hohe Anforderungen an eine nachhaltige und ressourceneffiziente Planung und Umsetzung des Neubauvorhabens (zertifiziert nach Bewertungssystem Nachhaltiges Bauen für Bundesgebäude mit dem Erfüllungsgrad Silber). Erneut galt es, soweit möglich im Sinne des Lowtech-Prinzips zu planen und robuste, wartungsarme und einfache bauliche Lösungen zu bevorzugen. Auch war empfohlen, die Wettbewerbsaufgabe gemeinsam mit Fachplanenden für technische Gebäudeausrüstung zu bearbeiten.

Visualisierung: Atelier Kempe Thill Thörner Kaczmarek Generalplanungsgesellschaft mbH, Düsseldorf mit Atelier Kempe Thill architects und planners, Rotterdam
Foto: Ulrike Ludwig
Optische Leichtigkeit wird Favorit

Die Erstplatzierten, Atelier Kempe Thill Thörner Kaczmarek / Atelier Kempe Thill architects und planners, verweben in ihrem Entwurf geschickt bauliche Elemente, die sich in der Umgebung finden. Sowohl die Backsteinfassade des historischen Nachbarbaus als auch die feinen Linien des Marie-Elisabeth-Lüders-Hauses (2003) sowie dessen Erweiterung MELH II (Fertigstellung aktuell geplant auf Ende 2024), beide von Architekt Stephan Braunfels, kommen als Zitate im Neubau vor. Zugleich schließen die Architekt*innen mit dem Entwurf die Lücken auf dem Areal und entwickeln einen klaren Abschluss zur Luisenstraße im Westen. Mit der Entscheidung, Abstand zum historischen Kesselhaus zu halten, entsteht ein öffentlicher Freibereich dort, wo sich heute ein Parkplatz befindet. 

Mit dem zweiten Preis wurde das Büro Dietrich | Untertrifaller Architekten aus München ausgezeichnet, die ebenso den Abstand zum Kesselhaus wahren und einen vorgelagerten Platz freispielen. Im Unterschied zum erstplatzierten Entwurf ist dieser Beitrag jedoch optisch massiver: Die Entwerfer nehmen zwar die Bauhöhe des MELH II auf, distanzieren sich in der geschlossenen Fassade jedoch deutlich von der Nachbarschaft. 

Behnisch Architekten auf dem dritten Platz vergrößern gar noch den Eingriff, indem sie die Front bis zur Fluchtlinie des Kesselhauses ziehen und eine komplett geschlossene Blockrandbebauung erstellen. Das lässt den Neubau sehr eigenständig und stark wirken und hätte auch ein guter Vermittler zum angrenzenden Entwicklungsgebiet sein können. Mit immobilen Verschattungselementen an den Fassaden – das Thema kam bereits in mehreren Projekten bei Behnisch Architekten zum Einsatz – und großen Gesten in der Faltung der Dächer ist dieser Beitrag sicher der radikalste der drei Plätze.

2. Preis: Dietrich Untertrifaller Architekten GmbH, München
2. Preis: Dietrich Untertrifaller Architekten GmbH, München (Foto: Ulrike Ludwig)
3. Preis: Behnisch Architekten Partnerschaft mbB, Stuttgart
3. Preis: Behnisch Architekten Partnerschaft mbB, Stuttgart (Foto: Ulrike Ludwig)

Jeweils eine Anerkennung erhielten ingenhoven associates aus Düsseldorf, gmp International aus Berlin, Foster and Partners aus London sowie METAFORM architects aus Luxemburg mit Wandel Lorch Götze Wach aus Frankfurt am Main. Die Entwerfer*innen reagieren ganz unterschiedlich auf die Bauaufgabe. Während Ingenhoven die bislang undefinierte Spitze zur Spree mit einem kreisförmigen Bau versucht zu schließen, thronen die Neubauten von gmp übermächtig neben dem zur Miniatur werdenden Kesselhaus. 

Der Beitrag von Foster and Partners versucht spreeseitig eine Mischung aus typologischer Angleichung an MELH II und kleinteiliger Fassadengliederung andernorts. Die stark gerasterten Backsteinfassaden, zudem in einem Farbton, der sehr sich sehr am Bestand orientiert, lässt auf den Visualisierungen alle Bauten optisch zu einer Masse verschwimmen. Die vierte Anerkennung geht an METAFORM architects / Wandel Lorch Götze Wach, die wiederum den Platz vor dem Kesselhaus zum öffentlichen Raum machen und bei ihren Bauten auf sehr geschlossene, vertikal betonte Natursteinfassaden setzen.

Anerkennung: ingenhoven associates GmbH, Düsseldorf (Foto: Ulrike Ludwig)
Anerkennung: gmp International GmbH, Berlin (Foto: Ulrike Ludwig)
Anerkennung: Foster + Partners, London (Foto: Ulrike Ludwig)
Anerkennung: METAFORM architects, Luxemburg mit Wandel Lorch Götze Wach, Frankfurt a. M. (Foto: Ulrike Ludwig)

Alle Wettbewerbsbeiträge sind ab dem 20. März 2024 im Ernst-Reuter-Haus, Straße des 17. Juni 102, Berlin zu sehen. 

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