Mehr Platz für Gründungen

Hild und K
3. abril 2024
Ansicht von Nordwesten, links das erweiterte Werk 1 (Foto: Michael Heinrich)
Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

In einem ehemaligen Verwaltungs- und Laborgebäude der Firma Pfanni, dem Werk 1, werden heute junge Unternehmen bei ihren ersten Schritten unterstützt – durch günstige Büroflächen, Coachings sowie Netzwerk- und Mentoringprogramme. Der nun fertiggestellte, im Westen anschließende Erweiterungsbau entwickelt dieses Konzept weiter. Zu integrieren waren viele unterschiedliche Nutzungen, von der Wertstoffsammelstelle über das Großraumbüro bis hin zu kleinen Wohneinheiten mit Coliving-Bereichen. Eine Struktur, die Ähnlichkeiten zur Typologie des historischen Kontorhaus aufweist, macht dies möglich. Alle Geschosse sind als Stahlbetonskelettkonstruktion über einem einheitlichen Raster errichtet, was erlaubt, individuelle Grundrisse von großer Varianz zu entwickeln.

Der öffentlichen Passage mit angrenzenden Läden und Cafés kommt eine herausragende Bedeutung für das neue Quartier zu. Als eine Art überdachter Stadtplatz stellt sie einen Begegnungsort und zugleich eine Wegeverbindung zwischen den nordwestlich des Neubaus gelegenen Büros und Veranstaltungsorten und dem südöstlich entstehenden Wohnviertel her. (Foto: Michael Heinrich)
Haben Sie den Auftrag über einen Wettbewerbsbeitrag oder direkt erteilt bekommen?

Die Beauftragung erfolgte direkt durch die OTEC GmbH, die als Familienunternehmen das Areal entwickelt und verwaltet. Für sie durften wir dort bereits frühere Projekte realisieren. 2020 wurde das Hotel Werk 17 eröffnet. 2016 erfolgte der erste Schritt beim Umbau des Werks 1, den wir jetzt, nach der Eröffnung des Erweiterungsbaus, fortsetzen. 

Für kurze Wege innerhalb des Gebäudes sorgt ein offener Steg. Als Stahlkonstruktion verbindet er die Büroetagen zu beiden Seiten der doppelgeschossigen Passage. (Foto: Michael Heinrich)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?

Die Bauherrschaft legt großen Wert darauf, den Geist des Ortes weiterzutragen. Insbesondere die ebenerdige, doppelgeschossige Halle erweist der Vergangenheit ihre Reminiszenz. In ihrer Geometrie entspricht sie nahezu exakt der ehemals hier gelegenen Schlosserei des Pfanniwerks. Auch atmosphärisch besitzt der Raum einen gewissen Werkstattcharakter, vermittelt unter anderem durch das sichtbare Schalungsmuster der Betondecke. 

Ansicht von Südosten, rechts das erweiterte Werk 1 (Foto: Michael Heinrich)
Die Fassaden sind kontrastreich gestaltet, etwa durch die Verwendung von hellgelb glänzenden Keramikfliesen und mattbraunen Ziegeln. (Foto: Michael Heinrich)
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Seit mehreren Jahren erlebt das ehemalige Industriegelände am Münchner Ostbahnhof seine Transformation zum vielfältigen Quartier für Arbeiten, Wohnen und Freizeit, dem sogenannten Werksviertel. Die Architektur des Werk 1.4 reagiert ästhetisch auf die Geschichte des Areals ebenso wie städtebaulich auf die besonderen Anforderungen eines nunmehr bunt durchmischten Viertels. Während der geschlossene Riegel von Neu- und Bestandsbauten den nötigen Lärmschutz für die südöstlich entstehenden Wohnungen gewährleistet, sorgt die Passage für Durchlässigkeit und verbindet die Bereiche von Wohnen, Arbeiten, Kultur und Freizeit zu einer lebendigen Einheit.

Die mit insektenfreundlichen Blühpflanzen begrünten Dachterrassen laden zur Begegnung und zum Austausch ein.  (Foto: Michael Heinrich)
Welche Überlegungen stecken hinter den Entscheidungen für die eingesetzten Materialien?

Das frühere Werksgelände war konsequent modern in der Architektursprache der 1950er- und frühen 1960er-Jahre gestaltet. Diesen Charakter wollten wir weitertragen, mit Hell-Dunkel-Kontrasten, wie sie auf den historischen Architekturfotos ins Auge springen, aber auch in der Materialwahl: Große Fensterflächen mit messingfarbenen Metallprofilen entsprechen in der Detaillierung den filigranen Glasfassaden der Zeit. An den industriellen Charakter der umgebenden Altbauten knüpfen Werkstoffe wie Fliesen und Ziegel sowie roh belassene Oberflächen und Strukturgläser an.

Durch Strukturgläser gewinnen die Fassaden eine lebendige Materialität und Rhythmisierung – im Blick von drinnen nach draußen stellt sich zudem ein interessanter Verfremdungseffekt ein. (Foto: Michael Heinrich)
An den industriellen Charakter der umgebenden Altbauten knüpfen roh belassene Oberflächen an, auch in den Büroetagen und Treppenhäusern. (Foto: Michael Heinrich)
Welche digitalen Instrumente haben Sie bei der Planung eingesetzt?

Die Planung erfolgte bürointern und in Koordination mit Fachingenieuren am zentralen Gebäudemodell (BIM). Insbesondere die Flächen-, Massen- und Mengenermittlung sowie die Kostenplanung ließen sich auf dieser Basis äußerst effizient abwickeln.

Beschäftigten Sie sich im Büro mit den Tendenzen des zirkulären Bauens und der sozialen Nachhaltigkeit?

Mit unserer Arbeit übernehmen wir Verantwortung – auch für kommende Generationen. Langlebige architektonische Qualitäten zu schaffen, am liebsten unter Bewahrung vorhandener Substanz, ist uns deshalb ein großes Anliegen. Das schließt die stetige Auseinandersetzung mit der Frage ein, inwieweit sich die von uns geplanten Gebäude für einen etwaigen späteren Umbau oder eine Umnutzung eignen. Die Struktur des Werk 1.4 ist extrem wandlungsfähig und kommt künftigen Veränderungen im Sinne der Langlebigkeit des Gebäudes stark entgegen.

Lageplan mit projektierter Wohnbebauung im Südosten (Zeichnung: Hild und K)
Grundriss Erdgeschoss (Zeichnung: Hild und K)
Gebäudeschnitt (Zeichnung: Hild und K)
Erweiterung Gründerzentrum Werk 1.4
2023 
Am Kartoffelgarten 14
81671München
 
Nutzung
Multifunktionales Gebäude
 
Auftragsart
Direktauftrag
 
Bauherrschaft
OTEC Otto Eckart GmbH & Co. KG, München

Architektur
Hild und K, Berlin 
Andreas Hild, Dionys Ottl, Matthias Haber 
Projektleitung: Ulrike Muckermann (Planung), Fabian Franck (Ausschreibung), Elke Unterberger (Bauleitung)
Mitarbeit: Ignacio Llana Garcia, Grace Barnes, Samuel Barringer, Sophia Genikomsidis, Eric Godiveau, Volker Goerz, Lukas Kevekordes, Yurim Lee, Timo Lorinser, Diala Makhlouf, Kerstin Ostermeyer, Fabiana Pizzoli, Pia Sudiarta, Birgit Wessendorf, Birgit Winkelmann, Boris Zhelezov
 
Fachplaner
Jühling & Köppel Landschaftsarchitekten GmbH, München
Berk + Partner Bauingenieure GmbH, München 
PMI GmbH Ingenieure für Bauphysik, Unterhaching 
Ing. Wolfgang Spiegl GmbH. Ingenieurbüro für Technische Gebäudeausrüstung, München 
Ingenieur- und Sachverständigenbüro, Herrn Dipl. Ing. (Univ.), MEng. Sascha Kaefer, Grafing 
B A S I S, Ingenieurgesellschaft für Vermessungswesen mbH, München 
 
Ausführende Firmen
Rohbau: Baugesellschaft Rank GmbH, München 
Klinkerfassade: Klinkerzentrum Roland Weigel GmbH & Co. KG, Mellrichstadt 
Pfosten-Riegel-Fassade: mglass gmbh Niederlassung Ried, Tumeltsham 
Glasinnenfassade / Stahlrohrrahmentüren: Stegmüller Stahl- und Metallbau GmbH, Arnstorf 
Dacharbeiten: Walter Probst Bedachungen GmbH, Planegg 
Innenausbau: Hillebrand Huber GmbH, Krailling 
Innenputz: Leonhard Schwarz GmbH Putz & Stuck, München 
Schlosserarbeiten, Breidenbach Metallbau GmbH, Peiting
Stahlbrücke: Franz Prebeck GmbH & Co. KG, Bogen
Estrich: DK-Bau GmbH, Barbing-Unterheising 
Bodenbeläge: Böhmler Einrichtungshaus GmbH, München 
Fliesen, Fliesen: Röhlich GmbH, Wendelstein 
Gussasphalt: Hofmeister Gussasphalt GmbH & KG, München

Hersteller
Türbeschläge: FSB Franz Schneider Brakel
Fassadenklinker, GIMA
Linoleum, Forbo Flooring Systems
 
Bruttogeschossfläche
10.059,47 m²
 
Gebäudevolumen
38.744,23 m³ (BRI) 

Gesamtkosten
k.A.
 
Fotos
Michael Heinrich

Artigos relacionados

Projeto destacado

ppp architekten + stadtplaner

Neubau Amtsscheune Zarrentin

Outros artigos nesta categoria