Lokschuppenareal Neubrandenburg

AFF Architekten mit Landschafts.Architektur Birgit Hammer
1. Mai 2024
Blick auf das Lokschuppenareal Neubrandenburg (Visualisierung: AFF)
Die Vier-Tore-Stadt Neubrandenburg möchte auf dem Lokschuppenareal mit circa 26.000 m², nördlich des Hauptbahnhofs, einen Ort für zukunftsweisende digitale Arbeitswelten mit urbanem Flair in einem historischen Kontext schaffen. Welche Ausgangssituation haben Sie vorgefunden?

Die Ausgangssituation auf dem Gelände ist durchaus komplex und vielschichtig. Uns war von Anfang an klar, dass es sich um eine spannende Aufgabe handeln würde, das historische und in Teilen denkmalschützte Areal in ein zukunftsweisendes Quartier zu transformieren. 

Die heutige Industriebrache, mit direkter Anbindung an den Hauptbahnhof, war über zwei Jahrhunderte hinweg gewachsen. Im Laufe der Zeit haben sich hier vielfältige Gebäudetypologien entwickelt, die immer wieder durch Erweiterungen an frühere Nutzungen und Funktionen angepasst wurden. Die beiden historischen Lokschuppen (1864 – 1926), welche phasenweise weitergebaut wurden, sind die Hauptbestandteile. Drei Wassertürme im Westen und ein ehemaliges Wohngebäude an der Heidenstraße 13 ergänzen das Areal. Durch die fortwährende Nutzung wurden immer wieder weitere kleinere Anbauten hinzugefügt, was zur heutigen heterogenen Grundstruktur führte. Bedingt durch die historische Entwicklung, weisen auch die Bauabschnitte unterschiedlichste Konstruktionsweisen auf. 

Aufgrund des langen Leerstands litt die Substanz der Gebäude teilweise erheblich und zeigt heute deutliche Anzeichen des Verfalls. Besonders der »Lokschuppen 1« aus dem 19. Jahrhundert sowie die beiden Wassertürme sind erheblich geschädigt. Bei diesen Bauteilen besteht der größte Handlungsbedarf, um die historischen Strukturen zu sichern und für zukünftige Nutzungsvisionen zu erhalten.

Substanz (Bildquelle: Bestand: 2023, AFF) 
Wie haben Sie die Wettbewerbsaufgabe interpretiert?

Wir haben die Wettbewerbsaufgabe in einem ersten Schritt als städtebauliche Herausforderung betrachtet, mit dem Ziel, eine effektive Anbindung an die umgebende Nord- und Südstadt sowie an die angrenzenden Quartiere herzustellen. Dabei ist es aus unserer Sicht von zentraler Bedeutung, eine neue Adresse zu formulieren, die dem zukünftigen Quartier einen eigenständigen Charakter verleiht und eine klare Orientierung auf dem Areal ermöglicht. Basierend auf diesem Leitgedanken, haben wir die Idee eines Campusplatz entwickelt und diesen zentral zwischen den beiden Kopfseiten der Lokschuppen positioniert.

In unseren weiteren Überlegungen haben wir den Fokus auf das enorme Potenzial der vorhandenen Bausubstanz gelegt. Diese wollen wir in ihrer ursprünglichen Erscheinung bewahren, ohne übermäßige Veränderungen vorzunehmen. Durch gezielten Rückbau von einzelnen An- und Erweiterungsbauten planen wir, die historischen Lokschuppen wieder in ihre Grundstruktur zurückzuführen. Dieses Vorgehen, nennen wir es »Clear up«, ermöglicht eine klare Lesbarkeit der »Urtypologie«.

Zuletzt lag es für uns auf der Hand, durch die Implementierung neuer Strukturen in die vorhandene Substanz neue Räume zu schaffen, die eine starke Verbindung zum Außenraum – den »Drehscheiben« – aufweisen. Diese Idee knüpft an die ehemalige Nutzung an und überträgt die Gebäudetiefe in den Außenraum. So kam uns die Idee einer Arkade, die als verbindendes Element über den Campusplatz hinweg zwischen den beiden Lokschuppen fungiert.

Konzeptisometrie mit Raumskulptur (Explosion: AFF)
Wie fanden Sie zum vorgeschlagenen Gesamtbild?

Das Leitbild des Entwurfes gründet sich auf der einzigartigen Typologie der Lokschuppen und ihrer authentischen Industriearchitektur. Die Kombination aus zeitloser Backsteinarchitektur und filigranen Stahlbaukonstruktionen bildet die Grundsubstanz, die die industrielle Historie dieses Standorts widerspiegelt.

Die Arealstruktur nimmt Bezug auf zentrale Fixpunkte – die »Drehscheiben«. Im Rahmen unseres Gesamtkonzepts werden diese Drehscheiben belebt und fungieren als Aktoren und Impulsgeber. Von ihnen gehen ringförmige »Impulswellen« aus und breiten sich über das Areal aus. In ihrer Überlagerung entsteht ein Ort der Interferenz. Dieser wird zum zentralen Campusplatz und bildet die neue Adresse des Areals. 

Die kreisförmigen Segmente bilden ein Gerüst für unterschiedliche Funktionen des Freiraums und der inneren Raumstruktur.  Es entsteht ein resilientes Raumkonzept, das mit maximaler Flexibilität zeitgemäße Nutzungsmöglichkeiten bietet. 

Clean-Up der Kubatur (Zeichnung: AFF)
Welche Bedeutung kommt der Freianlagenplanung zu?

Die Gestaltung der Freianlagen spielt eine zentrale Rolle im Gesamtkonzept und erschließt ein breites Spektrum an Nutzungsmöglichkeiten. Im Norden entsteht eine weitläufige Parklandschaft, die als grüne Oase zur Erholung und Entspannung einlädt. Verschiedene Sportmöglichkeiten beleben zudem die Nordseite und tragen zu einer dynamischen Nutzung bei. Die charakteristischen Wassertürme werden zu besonderen Anziehungspunkten mit vielfältigem Angebot:  Klettermöglichkeiten am Denkmal, ein Biergarten bzw. eine Sommerbar am Wasserturm 1 sowie ein Freiluftkino an der Wasserstation.

Die beiden Drehscheiben werden mit unterschiedlichem Charakter aktiviert, wobei die Drehscheibe des Lokschuppens 1 als Senkgarten und Wasserspeicher gestaltet wird. Die Drehscheibe des Lokschuppens 2 wird zu einem Wasserspeicher, der die aktuelle Wetterlage in Form des Wasserstands widerspiegelt. Zusätzlich bieten sie eine Bühne mit Sitzstufen, Möglichkeiten für Urban Gardening sowie einen  Skate- und Jump-Park. Gastronomische Angebote beleben die Flächen direkt neben den Gebäuden.

Der Campusplatz bildet den offenen Veranstaltungsort des Areals und schafft Raum für diverse Events und Gemeinschaftsaktivitäten. Diese sorgfältig gestalteten Freianlagen tragen dazu bei, dass das Lokschuppenareal nicht nur funktional bereichert, sondern auch ästhetisch ansprechend und vielseitig nutzbar wird. 

Lageplan (Zeichnung: AFF und Birgit Hammer)
Wie organisieren Sie das zu transformierende Lokschuppenareal Neubrandburg?

Wie bereits beschrieben, orientiert sich das Raumkonzept sich an den zentralen Drehscheiben, die die Grundstruktur der Lokschuppen definieren. Durch die Einführung eines Arkadenraums in der ersten Ringstruktur wird eine behutsame Verbindung zwischen den Freianlagen und dem Innenraum geschaffen. und die denkmalgeschützte Substanz durch das Abrücken der thermischen Hülle respektiert. Die Fassade erhält eine tiefe Erscheinung welche an die geöffneten Tore aus historischen Zeiten erinnert.

Im Inneren sorgen geschlossene Kerne, sogenannte »Cores«, für eine strukturierte Organisation, in denen sich essenzielle Infrastrukturen wie Sanitäranlagen und Technikräume befinden. Sie ermöglichen offene Bürobereiche mit Sichtverbindungen zu Park und Platz. Doppelgeschossige Zwischenräume, die »Voids«, agieren als Bindeglied zwischen der oberen und er unteren Ebene. 

Die obere Ebene bietet mit ihren versetzten Galeriebereichen, im gleichen Duktus wie unten, eine besondere Co-Working-Atmosphäre. Grüne Patios schaffen ruhige Rückzugsorte. Ein großzügiges Foyer und die multifunktionale Veranstaltungshalle fördern die Synergie zwischen Gastronomie und Büroflächen und unterstützen vielfältige Nutzungen. Die präsente Freitreppe schafft einen Ort hoher Aufenthaltsqualität. 

Die Gesamtstruktur und die Funktionsverteilung ermöglichen Synergieeffekte zwischen den Nutzungen. Die gegenseitige Inspiration der einzelnen Akteure wird durch visuelle, räumliche Beziehungen und sinnvollen funktionalen Abläufen erzeugt. Die flexible Struktur ermöglicht eine Anpassung an wechselnde Bedürfnisse und verschiedene Arbeitsumgebungen, mit der Option, Räume nach Bedarf zu trennen oder zu verbinden und über beide Ebenen zusammenzuschalten. Die Struktur ist bewusst so entwickelt, dass eine Durchmischung des Digitalen Innovationszentrums (DIZ) mit anderen zukünftigen Partner Offices möglich sein wird. 

Grundrissorganisation der Lokschuppen (Lokschuppen 1 links, Lokschuppen 2) (Zeichnung: AFF)
Können Sie uns durch das führen als ob es schon fertiggestellt wäre?

Wir betreten das Areal von Norden und schlendern durch die Parklandschaft, passieren die beiden markanten Wassertürme mit der Sommerbar sowie den Klettermöglichkeiten und durchqueren den Werkhof des Lokschuppens 1. 

Anschließend führt uns der Weg in die Arkade, von wo aus wir einen Blick auf die ehemalige Drehscheibe werfen, die heute als Senkgarten mit Rückzugsorten dient.

Weiter geht es durch die Arkade zum Haupteingang des Lokschuppens 1. Beim Betreten öffnet sich das Foyer, die sogenannte »Welcome-Area«, in der die Spuren des historischen Bestands deutlich erkennbar sind. Dieser Bereich, das Herzstück des Areals, dient als Informations- und Veranstaltungsort und soll den lebendigen Austausch von Besucher:innen / Nutzer:innen fördern. Der sich anschließende »Coffee Space« ergänzt das Angebot.

Über die markante Freitreppe mit Sitzstufen gelangen wir zur Galerieebene, die uns Einblicke in die Erdgeschossfunktionen und Ausblicke auf die grünen Patios bietet. Eine Treppe führt uns zurück ins Erdgeschoss zur »Welcome-Area«.

Wir folgen der Arkade über den Campusplatz und gelangen zum Lokschuppen 2. Hier befinden sich die neuen Räumlichkeiten des Landesmuseums. Nach dem Betreten des kleinen Foyers mit Garderobe und Schließfächern treten wir in eine moderne Arbeitswelt ein, die durch den zentral gelegenen multifunktionalen Veranstaltungsraum ergänzt wird. Auch hier sind die historischen Spuren in Form des Dachtragwerks erhalten geblieben. Zum Abschluss genießen wir einen Kaffee im angrenzenden Restaurant, geschützt vor der Sonne im Arkadenraum, mit Blick auf die Freianlagen und die für die Wasserrückhaltung umgestaltete ehemalige Drehscheibe.

Außen und Innen (Visualisierung: AFF)
Welches architektonische Thema war Ihnen besonders wichtig?

Das Anliegen einer Revitalisierung umfasst viele architektonische Themen.  Die Arkade spielt jedoch in unserem Konzept eine übergeordnete Rolle­ – im Städtebau, den Freianlagen, der Fassade und inneren Organisation. Sie fungiert als verbindendes Element zwischen den beiden Lokschuppen, repräsentiert einen "Gang" durch die Historie und bietet vielfältige Nutzungsmöglichkeiten. Der Arkardenraum ist identitätsstiftend, unterstreicht die Blickachsen zum Campusplatz und den Drehscheiben, kann für verschiedene Aktivitäten wie Veranstaltungen im Freien oder Ausstellungen genutzt werden und dient zugleich als Verschattungselement sowie für sommerlichen Wärmeschutz. 

Welcome-Area (Visualisierung: AFF)
Welche Materialstrategie schlagen Sie vor?

Die von Backstein geprägte Bestandsstruktur wird im Inneren durch eine elementare und modulare Holzkonstruktion ergänzt, wodurch die innere Struktur als »Haus-im-Haus-Konzept« geformt wird. 

Der materialoptimierte Holzsystembau und reversible Konstruktionen ermöglichen ein hohes Maß an Flexibilität für zeitgemäße und zukunftsfähige Arbeitswelten. 

Eine sichtbare Stahlrahmenkonstruktion mit unterspannten Profilen, wie bereits im Bestand vorhanden, trägt die neue Dachhaut. Diese Konstruktion sorgt für optimierte Materialausnutzung und ermöglicht große Spannweiten für flexible, offene Räume mit ausreichend lichten Raumhöhen. Alle verwendeten Materialien sollen in ihrer ehrlichen Form erscheinen, ohne zusätzliche Beschichtungen oder Bekleidungen. Die äußere Erscheinung des Bestands soll erhalten bleiben, während die neue Dachhaut aus Stehfalzblechen hergestellt 

Detail (Zeichnung: AFF)
Gibt es schon einen geplanten Fertigstellungstermin?

Über einen Fertigstellungstermin gibt es bisher keine konkreten Informationen. Da dieses Projekt jedoch wegweisend für die Region Neubrandenburg sein soll und der Bedarf an digitalen Arbeitsplätzen hoch ist, sowie dringender Handlungsbedarf beim Bestand besteht, sollte mit der Planungsaufgabe so früh wie möglich begonnen werden. Erste Gespräche wurden bereits mit den Beteiligten geführt und auch ein Workshop mit der Stadt Neubrandenburg ist geplant.

Ideenwerkstatt zur Entwicklung des Lokschuppenareals Neubrandburg als neuer Standort des digitalen Innovationszentrums in Neubrandenburg
Sonstiger Wettbewerb
 
Auslobung: Vier-Tore-Stadt Neubrandenburg
Betreuung: KVL Projektentwicklung Plus GmbH, Berlin
 
Jury
Silvio Witt, Oberbürgermeister der Stadt Neubrandenburg | Frank Renner, Fachbereichsleiter 2.00 der Stadt Neubrandenburg | Janine Kriegler, Abteilungsleiterin 2.40 der Stadt Neubrandenburg | Frank Benischke, Geschäftsführer der Neubrandenburger Wohngesellschaft | Michael Wendelstorf, Geschäftsführer der Neubrandenburger Wohngesellschaft | Ingo Meyer, Geschäftsführer der Stadtwerke Neubrandenburg | Prof. Dr. Gerd Teschke, Rektor der Hochschule Neubrandenburg | Michael Zeipelt, Geschäftsführer des Digitalen Innovationszentrums Neubrandenburg | Michael Hinzer, StEA-Vorsitzender | Christina Ebel, Geschäftsführerin BIG Städtebau
 
1. Platz
AFF Architekten mit Landschafts.Architektur Birgit Hammer, Berlin
 
2. Platz
Gewers & Pudewill GmbH, Berlin
 
3. Platz
Anderhalten Architekten GmbH, Berlin

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