Leipzig Hauptbahnhof Ostseite

Vermittelndes Ensemble

Peter Petz
18. de novembre 2015
Blick vom Georgring

Peter Petz: An der Ostseite des Leipziger Hauptbahnhofs sollen Infrastrukturmaßnahmen sowie ein Hotelneubau realisiert werden. Welche Bedeutung hat der Wettbewerb für das Leipziger Zentrum?
Hannes Beinhoff: Das von diesem Projekt ausgehende Potenzial ist, bezogen auf die Stadtteilreaktivierung, immens für das Leipziger Stadtzentrum. Der heutige Zustand des zu bebauenden Areals ist heterogen und weist durch das Leerstehen einer Gesamtfläche von circa 11.000 m² keine eigene urbane Identität auf. Städtisch betrachtet, kann solch ein Zustand natürlich nicht auf Dauer toleriert werden und wirkt sich negativ auf das Stadtbild und -empfinden aus. Zudem erfährt Leipzig in den letzten Jahren einen Zustrom neuer Bewohner, vor allem aus der Kreativszene, wobei das Bahnhofsgebiet eine zentrale Rolle als Ort des Verweilens, Umsteigens und der Orientierung einnimmt. Ein durch die Stadt koordinierter baulicher Eingriff in diesen bestehenden städtebaulichen Kontext erweist sich somit als unumgänglich.

Das Wettbewerbsareal liegt in fußläufiger Nähe zur Innenstadt. Bei dem entworfenen Ensemble handelt es sich um eine zweiteilige Gebäudestruktur, in der zwei Hotelnutzungen, Budget- und Mid-Class Hotel, untergebracht sind. Aufgrund der zusammenhängenden, jedoch gestalterisch differenzierten Fassadenkomposition entsteht eine Baueinheit mit zwei eigenständigen Identitäten. Angrenzend zum Hotelensemble befindet sich zudem ein Parkhaus, ebenfalls Teil der Entwurfsaufgabe. Hotel und Parkhaus werden über einen Grüngürtel miteinander verbunden, der sowohl den Reisenden, Hotelgästen als auch den Stadtbewohnern neue qualitätsvolle Aufenthaltsmöglichkeiten anbietet. Aus der Großzügigkeit der Grünflächen ergibt sich ein urbaner Platzraumcharakter, der eine identitätsbildende Rolle übernimmt. Unsere übergeordnete Intention und die von uns interpretierte Bedeutung des Entwurfs liegt darin, dass das Ensemble als Vermittler zwischen den verschiedenen Strukturen agiert und zur Vereinheitlichung des Leipziger Stadtzentrums beiträgt. 

Konzeptpiktogramm

Welche Ausgangslage haben Sie vorgefunden?
Als einer der bedeutendsten Verkehrsknotenpunkte des deutschen Eisenbahnnetzes blickt das Leipziger Bahnhofsareal auf eine komplexe Historie zurück. Im Laufe der letzten Jahrhunderte waren auf der heutigen Planungsfläche, in einer ersten Phase, unterschiedliche Güterschuppen und anschließend zwei eingeschossige Abfertigungsanlagen mit beidseitiger Gleiserschließung angesiedelt. Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Bahnhofsareal mit seinen benachbarten Nutzbauten weitestgehend zerstört, wobei das Bahnhofsgebäude zwar wiederaufgebaut, der Neuaufbau der an der Ostseite angrenzenden, zerstörten Abfertigungsanlagen jedoch nicht weiterverfolgt wurde. Somit dient das heutige Planungsareal als zentral gelegener Bus- und Pkw-Parkplatz. Dies stellt eine ungewöhnliche Situation dar, da das Potenzial dieser im Zentrum der Stadt gelegenen Fläche ungenutzt bleibt. Zudem wurde durch das Fehlen einer einheitlichen Planung der angrenzenden Bebauung und der vorgenommenen funktionalen Umstrukturierungen dieser Zone der ortsbildende Charakter des Areals stark abgeschwächt, sodass man heute eine Heterogenität der unterschiedlichen Bausubstanzen vorfindet. Bezogen auf die atmosphärische Wirkung und den urbanen Bezug entspricht das gegenwärtig vermittelte Raumgefühl eher dem eines Nicht-Ortes. Unser Ansatz liegt daher darin, den urbanen Raum, die Architektur und Landschaft wieder in eine harmonische Verbindung zu bringen, sodass ein neuer Stadtraum entsteht, geprägt von einem kontextspezifischen Charakter.

Lageplan

Wie kamen Sie zu den vorgeschlagenen Baukörpern?
Wie so oft, leitet sich die Kubatur vom Kontext, der Verteilung der Funktionen und der Erschließung ab. Für das Hotelensemble haben wir uns für eine Zweihofvariante entschieden. Zwei Teileinheiten werden zu einem zusammenhängenden Volumen miteinander vereint, wobei die doppelte funktionale Nutzung durch die Volumenausbildung und Fassadengestaltung weiterhin ablesbar ist. Die Eingänge zu den Hotels sind durch die Volumenausbildung klar definiert und sind nach Süden zum Vorplatz und nach Osten zur Flanier Plaza gerichtet. Das sich im südlichen Grundstücksbereich befindende Mid-Class Hotel ist direkt zum Vorplatz orientiert und stellt den räumlichen Höhepunkt des Ensembles dar. Mit seinen sieben Geschossen bildet es ein starkes raumabschließendes Pendant zu Bahnhof, Oper und Vorplatz. Das nördlich angesiedelte, sechsgeschossige Budget Hotel beinhaltet neben der Hotelnutzung zusätzlich externe Büroflächen, welche im fünften Obergeschoss angesiedelt sind. Diese werden separat über die kommerziell geprägte Sachsenstraße erschlossen.

Bepflanzte Terrassen, Innenhöfe und grüne Dachflächen sind die wesentlichen Entwurfselemente der Freianlagenplanung. Die Innenhöfe gewährleisten außerdem die optimale innere Belichtung der Hotelanlage.

Piktototo
Schnitt

Können Sie uns um das Projekt führen, als ob es schon fertiggestellt wäre?
Man betritt das Mid-Class Hotel über den im Süden gelegenen Eingang am Bahnhofsvorplatz. Der einladend ausgeprägte Foyerbereich erstreckt sich über das gesamte Erdgeschoss mit den angegliederten Funktionen Rezeption, Lounge und Restaurant. Von hier gelangt der Besucher über eine Freitreppe in das ebenfalls offen gestaltete erste Obergeschoss. Hier findet man den Konferenzbereich mit kleinen Büros, einer zentralen Bar und eine grüne Außenterrasse, die zum Innenhof orientiert ist. Die Freitreppe ermöglicht den vertikalen Sichtbezug zum Konferenzbereich und vermittelt ein fließendes Raumgefühl. Im sechsten Obergeschoss befindet sich der private Wellness- und Spa-Bereich des Hotels mit Außenterrasse und einem beeindruckenden Blick auf die Stadt Leipzig.

Welches architektonische Thema war Ihnen besonders wichtig?
Der besondere historische Kontext des Leipziger Bahnhofsareals verlangt nach einer interpretativ-gestalterischen Leistung. Dabei verkörpern die Reaktivierung eines vernachlässigten urbanen Gefüges und die Aufwertung des öffentlichen Raums unser beabsichtigtes Ziel. Dem Entwerfen zum einen einer zeitlosen, diskreten Architektur und zum anderen großzügiger urbaner Grünflächen haben wir gleiche Bedeutung beigemessen. Die entwerferische Herausforderung lag für uns in der Einbindung der historischen Bausubstanz. Durch die vorgeschlagene vertikale Fassadengestaltung mit Natursteinlisenen haben wir bestehende historische Elemente aufgegriffen und versucht, sie in eine moderne Formensprache zu überführen. Die zwar repräsentative und markante Gesamtfigur reagiert dennoch auf den Kontext des Stadtraums. Durch gezielte Rücksprünge von den Grundstücksgrenzen werden zusätzliche Aufenthaltsmöglichkeiten im Außenbereich geschaffen. Die so resultierende Verzahnung zwischen dem öffentlichen Raum und der Architektur tragen zur Homogenisierung des östlichen Bahnhofareals bei.

Ansicht Brandenburger Straße

Welche Materialstrategie schlagen Sie vor?
Auch unsere entwickelte Material- und Farbstrategie ordnet sich dem Hauptgedanken der Würdigung und Bezugnahme auf den historischen Kontext unter. Der nach dem Krieg originalgetreu wiederaufgebaute Hauptbahnhof dient dabei als wesentlicher Bezugspunkt. Das Motiv der vertikal gestalteten Fassadenflächen des Bahnhofsgebäudes wird aufgenommen und in eine moderne aber zurückhaltende Formensprache übersetzt. Das von uns entworfene Gebäudeensemble soll nicht mit dem Bestand konkurrieren, sondern versteht sich eher als eine Reverenz vor diesem. Unser Ziel besteht darin, eine zeitlose Fassadengestaltung anzubieten, die sich von modischen Tendenzen distanziert und somit auch in den folgenden Jahrzehnten ihre Aktualität und Angemessenheit bewahrt. Die steinerne Materialität des denkmalgeschützten Hauptbahnhofs wird übernommen, sodass die Hotelfassaden von schlanken, vertikalen Natursteinlisenen geprägt sind, die durch ihre Anordnung die Ablesbarkeit der Funktionen ermöglichen. Das benachbarte Parkhaus weist eine transluzente Lochblechverkleidung auf, die dem Farbton der Bahnhofs- und Hotelfassaden angepasst wird, sodass die Zusammengehörigkeit der Gebäude suggeriert wird. Als Teil der Materialstrategie verstehen wir auch die Gestaltung der großzügigen Grünflächen. Die ehemalige Gleisstruktur wird durch wechselnde Bodenbeläge nachempfunden, so dass die ehemalige Nutzung und die Verbindung zum Bahnhof in Erinnerung gerufen wird. 

Details Hotel und Parkhaus

Gibt es schon einen geplanten Fertigstellungstermin?
Nein, einen Termin bezüglich der Fertigstellung oder des Baubeginns gibt es noch nicht.


Leipzig Hauptbahnhof Ostseite
Einladungswettbewerb

Jury
Prof. Karl-Heinz Schmitz, Vors. | Prof. Hilde Barz-Malfatti | Dorothee Dubrau | Jórunn Ragnarsdóttir | Christian Schneider | Dr.-Ing. Ingo Seidemann | Ulf Templin | Jeannette Winter | Franziska Riekewald

1. Preis
Architekt: ​ Gerber Architekten, Dortmund, Hamburg, Berlin, Shanghai, Riad

2. Preis
Architekt: ​ Schulz und Schulz, Leipzig

3. Preis
Architekt: Porr Design & Engineering, Wien

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