Behutsam im Sinne der regionalen Baukultur

Schlicht Lamprecht
11. agosto 2021
Wiederhergestellte Zweiseitstruktur (Foto: Stefan Meyer)

Schlicht Lamprecht Architekten haben in Gundelsheim ein ehemaliges Wohnhaus so umgebaut, dass heute eine öffentliche Bücherei darin Platz findet. Stefan Schlicht erzählt uns vom Projekt und davon, wie wichtig es ist, vermeintlich nicht mehr zeitgemäße Strukturen an heutige Bedürfnisse anzupassen, damit sie eine neue Funktion im Ort erfüllen können.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Die Grundidee basiert auf unserer ersten Assoziation vor Ort, auf dem vertrauten Dreiklang eines typisch fränkischen Bauernhausensembles: Haus – Stall – Scheune. Diesen Dreiklang wollten wir wiederherstellen, die gewohnten Bilder aufnehmen, mit authentischen und natürlichen Materialien arbeiten. Das Besondere liegt hier im Einfachen.

Es ist gelungen ein ursprünglich einfaches, privat genutztes Wohnhaus mit landwirtschaftlich geprägten Nebengebäuden mit einer öffentlichen Funktion zu bestücken und so unseren Beitrag zum Erhalt dieses ortsbildprägenden Wohnhauses zu erhalten.

Mit diesem Projekt konnten wir zeigen, dass man ein historisches, vermeintlich „überkommenes“ Haus mit alten Strukturen flexibel umnutzen kann. Es ist uns wichtig den Bürgern anhand dieser Beispiele aufzuzeigen, dass nicht immer Abbruch und Neubau die einzige Lösung ist.

Nicht nur als ein gelungenes Architekturprojekt, sondern auch auf der Ebene der Entscheidungsträger soll das Projekt motivieren, inspirieren und zur Nachahmung anregen, Leerstände wie diesen in den Ortskernen wiederzubeleben. Die Bücherei Gundelsheim ist ein „Best Practice“ für die Innenentwicklung und baukulturelle Qualität im ländlichen Raum.

Vorbereich Bücherei (Foto: Stefan Meyer)
Vorbereich Bücherei (Foto: Stefan Meyer)
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Giebelständig an der Bachstraße und damit in unmittelbarer Nähe zum Leitenbach im Ortskern gelegen, reiht sich das historische Gebäude in die Nachbarbebauung ein. Auf behutsame Weise greift der Entwurf die Maßstäblichkeit und Körnung des Ortbildes auf und schreibt diese wie selbstverständlich fort. Mit dem Dreiklang Haus-Stall-Scheune nimmt es die typische Bebauungsstruktur der Anwesen im Altort auf und entwickelt diese behutsam weiter.

Innenraum neue Scheune (Foto: Stefan Meyer)
Scheune in der Bauphase (Foto: Stefan Meyer)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?

Wunsch der Gemeinde war es, hier nicht nur einen Ort der Medienausleihe zu schaffen, sondern einen Ort der Begegnung und Weiterbildung, „einen Kulturort und eine Integrationsschmiede“, einen Treff für alle Generationen. Zu diesem Zweck sollten die Räume flexibel nutzbar sein, die auch in der Zukunft vielseitige Umnutzungen ermöglichen. 

So wurden die losen Bücherregale rollbar gelagert konzipiert. Sie können leicht verschoben und so der große Scheunenraum vielseitig genutzt werden. Dieser wurde bereits für Lesungen, Theateraufführung, Neujahresempfang und Gemeinderatssitzungen genutzt. 

Der Wunsch der Bürger*innen und Nutzer*innen, die Bücherei als Treffpunkt in der Region und als Ort der Begegnung zu gestalten, konnte umgesetzt werden. 

Bücherausgabe (Foto: Stefan Meyer)
Übergang ehemaliger Stall zum Wohnstallhaus (Foto: Stefan Meyer)
Erwachsenenbücherei im ehemaligen Stall (Foto: Stefan Meyer)
Kinderbücherei im Wohnstallhaus (Foto: Stefan Meyer)
Kinderbücherei im Wohnstallhaus mit Tribüne (Foto: Stefan Meyer)
Arbeitsgalerie (Foto: Stefan Meyer)
Arbeitsgalerie (Foto: Stefan Meyer)
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?

Es wurde nicht versucht, aktuelle Tendenzen aufzugreifen. Vielmehr prägen zeitlose Gestaltung und der örtliche Kontext das Projekt. Den Holzbau für die Scheunenerweiterung haben wir gewählt, da dies die naheliegendste und nachhaltigste Antwort auf die Aufgabenstellung ist. 

Wiederhergestellte Zweiseitstruktur (Foto: Stefan Meyer)
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?

Authentische und natürliche Materialien bestimmen das gesamte Ensemble. Auch hier wieder das Bild des Vertrauten. Der Terrazzobodens erinnert an den robusten Nutzboden historischer Bauernhäuser, gebürstete Fichtenholzoberflächen an rohes Holz. Geschlämmte Wände im Stall geben ein vertrautes Bild. Ohne die hohe handwerkliche Fertigkeit und Begeisterung aller Beteiligten wäre die Qualität in der Ausführung nicht möglich gewesen. Das Gleiche gilt für das Dach, dem man weder die Edelstahlhaut noch die Komplexität und die hochtechnischen Anforderungen ansieht. Im Wohnstallhaus wurden alle Putzoberflächen in Kalkputz erneuert. Für die Fassade der Scheune kam nur ein Material in Frage: naturbelassenes Holz, das hierfür aber thermisch vorbehandelt wurde. Die Vorvergrauung unterstreicht das Selbstverständnis, mit dem dieser Bau sich eingliedert. Als wäre die Bücherei schon lange ein Bestandteil des Ortes.

Lageplan
Grundriss Erdgeschoss (Zeichnung: Schlicht Lamprecht)
Schnittansicht (Zeichnung: Schlicht Lamprecht)
Explosionszeichnung (Zeichnung: Schlicht Lamprecht)
Bücherei Gundelsheim
2020
Bachstraße 12
96163 Gundelsheim

Nutzung
Öffentliche Nutzung, Gemeindebücherei

Auftragsart
Einladungswettbewerb nach RPW 2013 im Rahmen des Bund-Länderprogramms der Städtebauförderung »Stadt- und Ortsteile mit besonderem Entwicklungsbedarf – die soziale Stadt
 
Bauherrschaft
Gemeinde Gundelsheim
 
Architektur
Schlicht Lamprecht Architekten BDA, Schweinfurt
Team: Stefan Schlicht, Christoph Lamprecht, Sandra Bieber, Anna Haun
 
Fachplaner
Tragwerksplanung: Tragraum Ingenieure, Bamberg
Haustechnik: Ecoplan Projekt GmbH, Bamberg
Bauphysik: Basic GmbH, Gundelsheim

Ausführende Firmen
Baumeisterarbeiten: Raab Baugesellschaft, Ebensfeld
Holzbau und Fassade: Zimmerei Bauer, Burkunstadt
Dach Scheune: Lummel GmbH & Co KG, Karlstadt 
Dachdeckerarbeiten Wohnstallhaus: Th. Müller, Frensdorf
Haustechnik: Drescher Haustechnik, Stegaurach
Elektro: Wittner GmbH, Bamberg
Trockenbau: Pro Akustik, Viereth 
Schreinerarbeiten: Möbelwerkstätte B. Aumüller, Burgebrach 
Estricharbeiten: Fa. Terrazzo-Beton, Hammelburg 
Außen-/Innenputz: Christoph Neukam Malerbetrieb, Gundelsheim
 
Hersteller
Terrazzoboden: Terrazzo-Beton 
Thermo-Esche Fassade + Dach: Häussermann 
Holz-Alu-Fenster + Gläser:  Gutmann (Aluschalen), Semcoglas Glastechnik (Isoliergläser) 
Putze und Anstriche: Maxit (Innendämmputz), Foamglas (Foamglas-Dämmung Haus-im-Haus, Bestand),  Caparol (Außenputzsystem + Anstrich),  Caparol und Alligator (Putz und Anstrich auf geschlämmter Wand),  Alligator (Innenfarben auf Wänden) 
Innenbekleidungen: Knauf AMF (Dach und Giebel) 
Rohholzoberflächen: Clou 
Weitere Möbeloberflächen: Fundermaxx, Resopal 
Edelstahldach: Aperam/Uginox (Edelstahl), Rees (Falzklemmen für Halterung Dachlatten) 
Dachfenster + Dachfensterrollos: Velux 
Dachziegel: Walther Dachziegel

Bruttogeschossfläche
420 m²

Gesamtkosten
2.100.000 € netto

Fotos
Stefan Meyer, Nürnberg/Berlin

Articoli relazionati

Progetto in primo piano

sop architekten

Neue Messe Süd

Altri articoli in questa categoria