Maßstabsgerechter Stadtraum

KPW Papay Warncke und Partner Architekten
21. Juli 2021
Blick von Norden (Visualisierung: KPW / HHVH / bloomimages)

KPW Papay Warncke und Partner Architekten mbB gewinnen den Wettbewerb um das Neue Quartierszentrum Bergedorf-West in Hamburg. Finn Warncke stellt sich unseren Fragen zum Wettbewerb.

Im Hamburger Stadtteil Bergedorf-West soll das Quartierszentrum neukonzipiert und aufgewertet werden. Welche Ausgangssituation haben Sie vorgefunden?

Bergedorf-West liegt etwa zwei Kilometer westlich des historischen Kerns von Bergedorf und somit zwischen dem Stadtgebiet Hamburgs und Bergedorf. Es wurde Ende der 1960er / Anfang der 1970er-Jahre als eine für die damalige Zeit typische Großwohnsiedlung erbaut. Das bestehende Quartierszentrum mit seinen räumlichen Gewerbestrukturen entspricht nicht mehr den aktuellen Anforderungen und soll neu entwickelt werden. Die Lage am südlichen Auftakt des Quartiers mit dem direkten Anschluss an die wichtige S-Bahn-Verbindung in die Hamburger Innenstadt und die gewachsene Etablierung des Ortes als Marktfläche und für die Nahversorgung bietet dafür eine sehr gute Voraussetzung. Die heutige Erschließung der Gewerbepassage erfolgt über eine Brücke von der S-Bahn-Station durch ein bestehendes Hochhaus hindurch und entspricht der damaligen Ideologie der autogerechten Stadt, aber eben nicht mehr den heutigen Ansprüchen an Belebung der öffentliche Räume durch Fußgänger und Radfahrer. Circa einen Kilometer weiter westlich entsteht mit dem Projekt „Oberbillwerder“ erstmals wieder ein zukunftsweisender neuer Stadtteil auf „der grünen Wiese“, welcher sicherlich auch als Anstoß für eine Neuentwicklung des Quartierszentrums im benachbarten Stadtteil Bergedorf-West beigetragen hat.

Bestandshochhaus mit Fußgängerbrücke (Foto: Auslober)
Welche Bedeutung kommt den Freiräumen zu?

Die Freiräume haben neben der räumlichen Neufassung des Städtebaus natürlich eine sehr große Bedeutung, da wir die Wegeverbindung und damit den erlebbaren öffentlichen Raum neu denken. Das mit unseren Freiraumplanern zusammen entwickelte Konzept sieht den Rückbau der Brücke vor und eine Lenkung des fußläufigen Verkehrs auf einen neuen zentralen Quartiersplatz, auf dem die Marktfläche entstehen soll und an dem alle Einzelhandelsflächen angesiedelt werden sollen. Auf diese Weise wollen wir einen urbanen Stadtplatz schaffen, der zum Verweilen und als Treffpunkt zum Kommunizieren einlädt. Die Dreiecksfläche des Platzes verbindet alle wichtigen Wegeverbindungen ins Quartier hinein und ist bewusst kompakt gehalten, um in Analogie zu gewachsenen Stadträumen eine städtische Vitalität entfalten zu können. Der heutige Werner-Neben-Platz, der als Platzfolge im Norden anschließt, erhält als Spiel- und Aktivitätsplatz eine neue Codierung und leitet in den nördlich angrenzenden Grünbereich ein, der eine wichtige Erschließungsfunktion für das gesamte Quartier darstellt. Wichtig ist für uns auch die Schaffung eines großen begrünten Innenhofes als Spiel- und Ruhezone für die neuen Gebäude und die Bewohner des „Bille-Hochhauses“. Einen solchen gefassten, halböffentlichen Gartenraum gab es in den bestehenden Strukturen nicht – das trägt aus unserer Sicht bedeutend zur Attraktivität des Wohnens an diesem Ort bei.

Umgang mit KV-Leitung, Vernetzung und Verbindungen, Abstandsflächen, Anlieferung und Markt, Freiraumschwerpunkte, Grünverbindung (Piktogramme: KPW / HHVH)
Wie organisieren Sie das Neue Quartierszentrum?

Wie erwähnt, spielt der neue Dreiecksplatz als Markt- und Quartiersplatz die sprichwörtlich zentrale Rolle für die Organisation. Von der S-Bahn kommend werden zukünftig alle Bewohner des Quartiers unmittelbar auf diese Platzfläche geleitet und von dort über attraktive Raumabfolgen weiter ins Quartier verteilt. So kann man quasi „auf dem Weg“ alle notwendigen Versorgungseinrichtungen nutzen, oder auch für eine Kaffee oder andere gastronomische Angebote auf dem Quartiersplatz verweilen. Es ist also nicht nur ein Ort des Handels, sondern auch ein Ort des Verweilens. Im südöstlichen Gebäude befindet sich zudem ein quartiersübergreifendes Mobilitätsgebäude mit unterschiedlichen Mobilitätsangeboten von Carsharing über Fahrradstation bis zum Park & Ride Parkhaus, welches über den Gewerbeeinheiten ab dem 1. Obergeschoss ca. 300 KFZ-Parkplätze anbietet. So werden nicht nur fußläufige Bewohner das Quartierszentrum nutzen, sondern auch überregionale Nutzer, die zum Beispiel in die Stadt Hamburg umweltfreundlich via S-Bahn pendeln und abends dort einkaufen, oder die gastronomischen Angebote nutzen. Wichtig ist uns auch die Vernetzung mit dem nördlich konzipierten Gemeinschaftshaus mit Kita, besonderen Wohnformen und dem Bürgerhaus „Westibül“, um somit einen vielfältigen urbanen Raum für alle Bewohner von Bergedorf-West zu schaffen.

Lageplan (Zeichnung: KPW / HHVH)
Welches architektonische Thema war Ihnen besonders wichtig?

Wichtig ist uns, eine Synthese zwischen den ortsbildprägenden Großstrukturen und einem für den Nutzer maßstabsgerechten Stadtraum im Sinne der europäischen Stadt zu schaffen. Dafür haben wir vier Gebäudekörper entworfen, die wie Großschollen Räume untereinander bilden, aber auch als Gesamtensemble erlebbar werden. Die Gebäudekörper bilden entweder einen Blockrand oder sind wie das Mobilitätshaus als Solitär konzipiert. Das Gebäude im Nordosten ist ein hybrides Gebäude, bestehend aus einem Hochhaus mit Seniorenwohnungen und einem Büro- und Praxengebäude, die gemeinsam auf einem Sockelgebäude für den Einzelhandel platziert sind und eine spannende, skulpturale Figur erzeugen. Neben der städtebaulichen Setzung der Gebäudefiguren ist es uns sehr wichtig gewesen, eine Vielfalt in der Einheit durch einzelne Hausadressen zu schaffen. Wir sprechen dabei gerne von „stehenden Häusern“ in einer Reihe, die einerseits gestalterische Verwandtschaften untereinander haben, aber auch eigene Identitäten erzeugen, um eine maßstabsgerechte Gliederung der einzelnen Hauseinheiten zu erhalten, die im Gegensatz zu den Großstrukturen individuelle Adressen ausbilden. Dies fördert unserer Ansicht nach die Identifikation des Bewohners mit „seinem“ Gebäude und kann den Gebäuden einen gestalterischen „zweiten Blick“ im Detail und der Materialität geben.

Ansicht von Süden (Zeichnung: KPW)
Ansicht von Norden (Zeichnung: KPW)
 Schnitt (Zeichnung: KPW)
Welche Materialstrategie schlagen Sie vor?

Die Materialfrage ist noch nicht abschließend definiert. Wir haben im Wettbewerb für zwei der vier Gebäudekörper das Material Backstein vorgeschlagen, weil es ein schönes, haptisches und auch durables Material ist, welches man regional beziehen kann und in einer großen Vielfältigkeit einsetzen kann. Für das Gebäude mit dem Mobilitätshub haben wir eine Holzfassade mit einem Begrünungskonzept in Form von Ausfachungen in einem Stahlbetonskelett vorgeschlagen. Das Begrünungsthema findet sich auch bei dem Bürogebäude wieder, welches als kaskadenartig ausgebildetes Gebäude jeweils große Terrassen nach Westen bildet, die mit langen Hecken eine treppenartige Figur bilden. Das Gebäude für das Gemeinschaftshaus im Norden sehen wir prädestiniert für eine Konzeption als Holzbau, um auch dem Nachhaltigkeitsanspruch des Projektes gerecht zu werden.

 Detailansichten (Zeichnungen: KPW)
Was wird die Qualität des neuen Quartiers ausmachen?

Sicherlich die Vielfältigkeit der Nutzungen, die sich auch in der Vielfältigkeit der Gebäude abzeichnen wird. Zudem die räumliche Fassung durch die Setzung der Gebäude, die an diesem Ort eine wohltuende vertraute Stadtlandschaft in mitten von Großstrukturen erzeugt und somit für die Bewohner des gesamten Quartiers einen maßstabsgerechten Ort zum Verweilen bietet, also eine selbstverständliche „Mitte“ des Quartiers.

Gibt es schon einen geplanten Fertigstellungstermin?

Nein, noch nicht konkret. Zunächst werden wir einen Funktionsplan erarbeiten, der dann die Grundlage für das Bebauungsplanverfahren bildet. Da das Projekt vermutlich in zwei größeren Bauabschnitten realisiert wird, wird die Fertigstellung wohl noch einige Jahre in Anspruch nehmen.

Modell (Foto: KPW / HHVH / WUP Modellbau)
Neues Quartierszentrum Bergedorf-West in Hamburg
Nicht offenes Workshopverfahren
 
Auslobung
  • RI Partners | POLARIS Real Estate Development GmbH | Freie und Hansestadt Hamburg | Bezirksamt Bergedorf | Dezernat für Wirtschaft, Bauen und Umwelt, Fachamt Stadt- und Landschaftsplanung | Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen | der Freien und Hansestadt Hamburg
Betreuung
  • D&K drost consult GmbH, Hamburg
 
Jury
  • Franz-Josef Höing, Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen, Oberbaudirektor | Uwe Czaplenzki, Bezirksamt Bergedorf, Dezernent für Wirtschaft, Bauen und Umwelt | Oliver Panz, Bezirksamt Bergedorf, Fachamt Stadt- und Landschaftsplanung, Fachamtsleitung | Lars Wittorf, Architekt, Lars Wittorf Architekt BDA, Hamburg | Peter Apel, Architekt, Sauerbruch Hutton Gesellschaft von Architekten mbH, Berlin | Anna Lundqvist, Landschaftsarchitektin, Man Made Land, Berlin | Lars Osterhoff, RI Partners, Geschäftsführung | Thekla Osterhage, RI Partners, Geschäftsführung | Petra Petersen-Griem, Bezirksversammlung Bergedorf | Anke Bendt-Soetedjo, Bezirksversammlung Bergedorf | Stephan Meyns, Bezirksversammlung Bergedorf
 
1. Rang
  • KPW Papay Warncke und Partner Architekten mbB, Hamburg | Björn Papay, Finn Warncke, Niels Vagt | Mitwirkende: Nils Hartmann, Zarko Serafimoski, Kaja Krabbenhöft, Yuting Tao, Gianluca Sacco, Marvin Gronski
  • Freiraumplanung: Hahn Hertling von Hantelmann Landschaftsarchitekten GmbH BDLA, Hamburg
  • Verkehrsplanung: SBI Beratende Ingenieure für Bau-Verkehr-Vermessung GmbH, Hamburg
  • Visualisierung: bloomimages GmbH, Hamburg
 
2. Rang
  • Coido Architects GmbH, Hamburg | Sven Ove Cordsen, Jan H. Ipach | Mitwirkende: Teresa Timm, Michael Krüger, Pilar Palomera Bosques, Jirka Bars, Marius Jungblut, Anna Gribermann
  • Fachberatung: Bart Brands, Darius Reznek, Volker Lescow (Karres+Brands)
 
3. Rang
  • BeL Sozietät für Architektur, Köln | Anne-Julchen Bernhardt | Mitwirkende: Katharina Volgger, Emmet Elliott, Alina Uhlenbrock, Tessa Gaunt, Mariel Kaiser Crompton
  • Statik: Dr.-Ing. Arne Künstler; imagine structure GmbH, Köln
  • Haustechnik: Pinck Ingenieure Consulting GmbH & Co. KG, Hamburg

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