Ein offenes Gegenüber

Staab Architekten
27. Juli 2022
Modell (Foto: Winfried Mateyka)
Das aktuell auf sieben Liegenschaften verteilte Bundesministerium der Finanzen (BMF) soll in einem Neubau räumliche Zusammengefasst werden. Welche Ausgangssituation haben Sie vorgefunden?

Ein leeres Grundstück, ein präsentes Gegenüber und ein umfangreiches Raumprogramm. 

Das Finanzministerium hat seinen Dienstsitz im ehemaligen Reichsluftfahrtsministerium von Ernst Sagebiel aus der NS-Zeit, das dem Baugrundstück an der Wilhelmstraße gegenüberliegt. Der Erweiterungsbau musste sich mit diesem sehr großen Gebäude auseinandersetzen und eine Haltung dazu entwickeln, die unser heutiges Verständnis von Demokratie widerspiegelt. 

Städtebaulich galt es, eine Eingangssituation für das Ministerium im Erweiterungsbau zu entwerfen, die auf den Eingang zum Ministerium im Altbau reagiert, und eine zweite Eingangssituation für die Akademie zu schaffen. Zudem musste der Erweiterungsbau auf die offene Raumkante des Platzes des Widerstands des 17. Junis 1953 an der Leipziger Straße reagieren.

Das umfängliche Raumprogramm stellte uns zudem in seiner Monofunktionalität vor die Frage, wie das Gebäude städtebaulich gegliedert und im Innern übersichtlich und ansprechend gestaltet werden könnte.

Lageplan (Zeichnung: Staab Architekten)
Wie organisieren Sie das Gebäude?

Wir haben das Raumprogramm in kleine Einheiten gegliedert, die zu einer netzartigen Struktur verbunden werden. An den Schnittpunkten sind Kommunikationsbereiche angeordnet, die zu den angrenzenden Höfen verglast sind und auf die verschieden hoch gelegenen Dachterrassen führen. Hier entstehen informelle Treffpunkte und Pausenflächen für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, auch die Orientierung im Gebäude wird erleichtert durch den Blick in die unterschiedlich proportionierten Höfe.

Zur Stadt hin gliedern wir mit den unterschiedlich hohen Baukörpern das enorme Bauvolumen, fassen den Platz des Widerstands des 17. Juni 1953 seitlich und definieren durch Rücksprünge die Eingänge für das Ministerium und die Akademie. Um die Straßenebene zu beleben und den Passanten Einblicke in das Innenleben des Hauses zu ermöglichen, wurden die publikumsnahen Nutzungen in die Erdgeschoss- und 1. Obergeschosszone gelegt.

Blick über die Leipziger Straße (Visualisierung: Staab Architekten)
Gab es Vorgaben zu den Büro-Standards?

Uns lag ein dezidiertes Raumprogramm mit Anzahl und Raumgröße der einzelnen Büros vor. Es wurden hauptsächlich Einzelbüros gefordert. Da sich Arbeitswelten jedoch während der Nutzungsdauer eines Gebäudes beständig weiterentwickeln, haben wir eine räumliche Struktur mit wenigen tragenden Kernen und Stützen im Innern entwickelt, die sich ebenso gut für Einzelbüros wie für Kombibüros und offene Bürogrundrisse eignet.

Welches architektonische Thema war Ihnen besonders wichtig?

Im Grunde sind uns alle Aspekte wichtig: der architektonische Ausdruck zur Stadt hin, der Dialog mit dem Bestandsbau des Finanzministeriums, eine kommunikative und belebende Arbeitsumgebung für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, ein langlebiges, anpassbares und nachhaltig gedachtes Gebäude… Uns interessiert nicht ein Aspekt, sonders das Zusammenspiel der einzelnen Themen.

Mit der netzartigen Struktur, den unterschiedlich hohen Baukörpern, dem vor der Fassade liegenden Tragwerk und nicht zuletzt dem Low-Tech-Energiekonzept gelingt es, ein lichtes Gebäude mit einer mehrschichtigen Fassade zu entwerfen, das einen freieren Geist verkörpert, als die Massivität des Gegenübers. Das Tragwerk, ein Beton-Exoskelett, ist dabei ein wichtiger Baustein der Nachhaltigkeit des Gebäudes. Einerseits bietet es einen festen außenliegenden Sonnenschutz und einen Witterungsschutz für die zurückliegende Holz- oder Holzalufassade. Andererseits entfaltet es in Kombination mit Holz-Beton-Hybriddecken eine besondere Sinnfälligkeit, da der thermische Übergang in der Fassade im Holz erfolgen kann und so keine herkömmlichen Isokörbe eingebaut werden müssen. Zudem lockert das Tragwerk die Fassade auf und nimmt ihr die Schwere. Und nicht zuletzt reduziert es die Tragstruktur im Innern des Gebäudes und erleichtert so zukünftige räumliche Anpassungen.

Blick über die Wilhelmstraße (Visualisierung: Staab Architekten)
Gibt es schon einen geplanten Fertigstellungstermin?

Derzeit ist die Fertigstellung im Jahr 2029 vorgesehen.

Bundesministerium der Finanzen auf dem Postblockareal in Berlin
Nicht offener Wettbewerb
 
Auslobung: Bundesanstalt für Immobilienaufgaben
Betreuung: Schindler Friede Architekten GbR, Berlin; a:dk architekten datz kullmann, Mainz
 
Jury
Jórunn Ragnarsdóttir, Stuttgart, Vors. | Stefan Behnisch, Stuttgart | Prof. Regine Leibinger, Berlin | Til Schneider, Frankfurt am Main | Werner Gatzer, BMF | Dr. Christoph Krupp, BImA | Regula Lüscher, SenStadtWohn Berlin | Martina Dr. Stahl-Hoepner, BMF
 
1. Preis
Staab Architekten GmbH, Berlin
Prof. Volker Staab, Petra Wäldle
Mitarbeit: Bettina Schriewer, Steffen Rebehn, Frederic Rustige, Johannes Drechsler, Zoe Ruf, Constanze Knoll, Dinah Fray, Clara Albert
Landschaftsarchitektur: arc.grün | landschaftsarchitekten stadtplaner, Kitzingen
TGA/Bauphysik: Ing.Büro Hausladen, München
Tragwerk: ifb frohloff staffa kühl ecker, Berlin
Brandschutz: Gruner Deutschland GmbH
 
2. Preis
Thomas Müller Ivan Reimann Gesellschaft von Architekten mbH, Berlin
Prof. Ivan Reimann, Prof. Thomas Müller, Torsten Glasenapp
Mitarbeit: Matthias Bednasch, Jonas Houba, Jan Kozak, Stefan Münch, Richard Sukac, Vojtech Bodlak
Landschaftsarchitektur: Vogt Landschaftsarchitekten, Berlin
TGA: ZWP Ingenieur-AG, Stuttgart
Tragwerk: GSE Ing.-Ges. mbH, Berlin
 
3. Preis
Code Unique Architekten, Dresden
Volker Giezek, Martin Boden-Peroche
Mitarbeit: Dominic Geppert, Masafumi Oshiro
Landschaftsarchitektur: impuls° Landschaftsarchitektur Ehrensberger.Facius.Facius Part-GmbB, Jena
TGA/Bauphysik: CSZ Ingenieurconsult TA GmbH, Berlin/Darmstadt
Tragwerk: WTM Engineers Berlin GmbH
Brandschutz: Prof. Rühle, Jentzsch & Partner, Dresden

Vorgestelltes Projekt

HGEsch Photography

Toranomon Hills Tokyo

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