Architektur durch leise Töne

ATELIER 30
14. April 2021
Designstudio für die Staatliche Berufsfachschule und Fachschule für Produktdesign in Selb (Visualisierung: grauwald.studio)

ATELIER 30 Architekten mit GTL Landschaftsarchitektur + Städtebau gewinnen den Wettbewerb um das Designstudio für die Staatliche Berufsfachschule und Fachschule für Produktdesign in Selb. Thomas Fischer stellt sich unseren Fragen zum Wettbewerb.

Für die Staatliche Berufsfachschule/Fachschule für Produktdesign Selb beabsichtigt der Auslober ein ein Arbeits- und Schulungsgebäude mit einer Hauptnutzfläche von 3.500 Quadratmetern zu errichten. Welche Ausgangssituation haben Sie vorgefunden?

Der Neubau für Staatliche Berufsfachschule/Fachschule für Produktdesign Selb soll auf dem Areal der ehemaligen Porzellanfabrik Hutschenreuther errichtet werden. Die Firma Hutschenreuther produzierte Porzellanwaren und wurde 1814 gegründet. Nach dem Konkurs des Unternehmens wurde der Komplex 2014 abgerissen. Bei der Ortsbesichtigung standen wir sozusagen auf einer industriellen Brachfläche, die den Niedergang der alten Industrie dokumentiert. Darüber hinaus gibt es ein spannendes architektonisches Umfeld in direkter Nachbarschaft, das sich ergibt aus früheren Bauprojekten der der Rosenthal AG. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindet sich eine Fassadenreihe mit Gestaltungen von Marcello Morandini, Otto Piene und Friedensreich Hundertwasser. Etwas entfernt befindet sich als vorletztes von Walter Gropius gebaute Gebäude: das 1969 fertiggestellte Werk Rotbühl. Wir fanden also eine überaus interessante Ausgangssituation vor, in deren Kontext ein Neubau die Geschichte des Ortes und die Aufgabenstellung entsprechend fortschreiben soll. 

Lageplan (Zeichnung: ATELIER 30)
Wie haben Sie auf den Kontext reagiert?

Die beschriebene Brachfläche hatte sehr heterogene Ränder teilweise waren diese durch eine Grünstruktur gekennzeichnet, an einer anderen Stelle befand sich ein Werk von Rosenthal oder auch eine der Sichtkontakt zu einer Wohnbebauung. 

Zum einen war es für uns die Aufgabe zu bewältugen, für den Nutzer ein kommunikatives Gebäudeensembles zu entwickeln, das dem Selbstverständnis und den Arbeitsprozessen der künftigen Ausbildung gerecht wird. Zum anderen galt es den Ort, die Atmosphäre der Landschaft des Fichtelgebirges und die räumlichen Bezüge zur Stadt in eine bauliche Gestalt zu übersetzen. Daraus entwickelten wir die pavillonartige Struktur, aus den einzelne Designstudios, welche über um ein zentrales Atrium gruppiert sind. Ein zweiter Bauabschnitt für eine Mensa und Seminarbereiche wurden im Eingangsbereich vorgeschlagen. Hierdurch ergibt sich neben einer gefassten Vorplatzsituation auch ein räumlicher Bezug für den Ankommenden aus der Innenstadt von Selb. 

Wie organisieren Sie die Gebäude?

Die innere Gebäudeorganisation ist sehr übersichtlich. Zum einen haben wir einen hellen und transparenten Haupteingangsbereich. Ein flexibler Ausstellungsbereich schließt sich an, in direkter Verbindung zum Foyer. Von hier aus erfolgt eine zirkulierende Erschließung der einzelnen Funktionen um ein begrüntes Atrium, welches auch als Werkhof genutzt werden kann. An diesem Atrium ist auch ein Schaulager angebunden, das verschiedene Werkstücke beherbergt. Darüber hinaus hat jeder Studiobereich für seine Anlieferung noch einen separaten Zugang nach außen. Durch die vorgeschlagene ringartige Organisation sind alle Bereiche einsehbar und sehr übersichtlich angeordnet. Auch die Verbindungen zwischen den Studios ist auf kurzem Weg möglich.

Grundriss Erdgeschoss, Ansichten, Piktogramme (Zeichnung: ATELIER 30)
Welches architektonische Thema war Ihnen besonders wichtig?

Die Frage des Ausdrucks, beziehungsweise der baulichen Gestalt eines Designstudios für Produktdesign in der heutigen Zeit hatte für uns einen zentralen Stellenwert. Die Staatliche Berufsfachschule und die Staatliche Fachschule für Produktdesign haben sich seit der Gründung im Jahre 1909 zu einem wichtigen Bestandteil der Designlandschaft entwickelt und sich vor allem auch inhaltlich verändert. Während in der Vergangenheit Konzepte für Porzellanwaren im Vordergrund standen, sind es heute nachhaltige Fragestellungen im Bereich der Elektromobilität und dessen gestalterische Antworten, welche die Lehre beschäftigen. Das architektonische Thema lässt sich sehr schön mit dem Projekttitel „Sustainable Design Village“ darstellen, den wir bei einer internen Diskussion für das Leitbild für das Haus fanden. Unter den Anforderungen der Nachhaltigkeit ist der Anspruch ein CO₂-neutrales Gebäude zu bauen. Die Gestalt sollte ebenfalls der sich veränderten Betrachtungsweise Rechnung tragen. Wenn man von Vorbildern sprechen darf, so dachten wir in diesem Zusammenhang immer an die Architektur eines Alvar Aalto. Wenn man einen Vergleich ziehen will, spiegelt dessen Architektur eine für uns mögliche Antwort auf die Aufgabenstellung. Es sind die demütigen und sinnlichen Beziehungen zwischen Haus, Aufgabenstellung und Ort, aus der Architektur durch leise Töne Kraft bezieht. 

Ansicht West (Zeichnung: ATELIER 30)
Welche Materialstrategie schlagen Sie vor?

Das Gebäude ist in einer nachhaltigen und ökologischen CO2-neutralen Holzbauweise geplant. Für Fassade und Dach werden geflammte Lärchenverschalungen vorgeschlagen. Das flammen von Holz bildet dabei einen hoch effizienten Holzschutz mit einer sehr langen Tradition. Die Fensterelemente werden in einer Pfostenriegelkonstruktion mit 3-Fachverglasung  ausgebildet. Im Gebäudeinneren ist als Fußbodenbelag ein homogener angeschliffener Estrich angedacht, der durch alle Flure und Studios fließt. Die Arbeitsräume sind im inneren zum Kontrast zur Außenfarbe weiß verputzt und bilden somit den gewünschten neutralen Hintergrund für die Arbeit an den einzelnen Werkstücken.

Darüber hinaus erhalten die atelierartigen Studios mit ihren Scheddächern eine gleichmäßige und sanfte Tageslichtausleuchtung über Nordlicht. Durch textile Behänge können diese Oberlichter bei Bedarf abgedunkelt werden. Die pavillonartige Struktur bildet auch im Inneren eine zeitlose unprätentiöse Haltung aus.  Im Vordergrund stehen hier funktionale Zusammenhänge der einzelnen Studios sowie die verbindende Erschließung mit Ihrem zentralen Patio sowie dem kommunikativem Foyer. Direkt neben dem grünen Patio ist das Schaulager mit Wänden aus semitransparenten  Poycarbonatplatten angeordnet. Im Bereich der Flure werden hierdurch die gelagerten Arbeiten subtil wahrgenommen. 

Die CAD Arbeitsplätze sowie die Räume des Lehrpersonals erhalten eine verglaste Wandstruktur hin zum Flur sowie zu den Studiobereich, welche durch weiße Leinenelemente bei Bedarf Blickdicht gemacht werden können. Hierdurch entstehen nicht nur eine räumliche Dynamik sowie spannungsvolle Einblicke in die Arbeitswelt sondern auch Synergieeffekte durch eine offene und kommunikative Raumstruktur. Stichworte: Offenheit / Transparenz -  Kommunikation / Konzentration

Detail (Zeichnung: ATELIER 30)
Gibt es schon einen geplanten Fertigstellungstermin?

Da wir noch nicht beauftragt sind, müssen wir hier mit dem Bauherrn noch den exakten Zeitablauf, beziehungsweise geplanten Baubeginn klären. Ungeachtet dessen, kann jedoch davon ausgegangen werden, dass das Gebäude bis 2025 fertig gestellt werden kann.

Modelll (Foto: ATELIER 30)
Designstudio für die Staatliche Berufsfachschule und Fachschule für Produktdesign in Selb
Nicht offener einstufiger Realisierungswettbewerb

Jury
Dr. Anke Schettler, Weimar (Vorsitzende) | Richard Waldmann, Erlangen | Marion Resch-Heckel, Kulmbach | Helmut Resch, Selb | Axel Lohrer, München | Peter Berek, Landkreis Wunsiedel | Dr. Bernhard Nitsche, Schulleiter BSZ | Ulrich Pötzsch, Oberbürgermeister Stadt Selb | Prof. Dr. Dr. h.c. Jürgen Lehmann, HS Hof
 
1. Preis
ATELIER 30 Architekten GmbH, Kassel
GTL Landschaftsarchitektur + Städtebau Michael Triebswetter, Kassel
 
2. Preis
Bez + Kock Architekten GmbH, Stuttgart
Jetter Landschaftsarchitekten, Stuttgart
 
3. Preis
Friedrich Poerschke Zwink Architekten, München
grabner huber lipp landschaftsarchitekten und stadtplaner partnerschaft mbb, Freising
 
4. Preis
HASCHER JEHLE Architektur, Berlin
ah Landschaftsarchitekten Anderson & Hinterkopf Partnerschaft mbB, Stuttgart

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