Fülle durch Licht

Heim Kuntscher
12. Mai 2021
Ansicht der neuen Eingangsfassade (Foto: Florian Holzherr)

Heim Kuntscher haben kürzlich die Umgestaltung des Kirchenareals St. Georg in Hebertshausen fertiggestellt. Markus O. Kuntscher wählt vier Bilder und drei Pläne und beantwortet unsere Fragen zum Projekt.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Die Kirche St. Georg in Hebertshausen besetzt und formuliert einen außergewöhnlichen und sehr starken Ort auf einer Anhöhe an der Nahtstelle zwischen der Münchner Schotterebene und dem Donau-Isar-Hügelland. Das Besondere der Aufgabe ist, diesen topographisch wie historisch herausragenden Ort, der sich wie in einer Art Dornröschenschlaf befand, für die Gegenwart und darüber hinaus zu aktivieren als Motor der Gesamtentwicklung der dörflichen Ortsmitte. Zudem lag die besondere Herausforderung für mich darin, den bestehenden Kirchenraum im direkten Zusammenspiel mit der sensiblen Farbkunst von Jerry Zeniuk als atmosphärisch dichten und sinnlichen Raum neu zu gestalten.

Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?

Die Neugestaltung des Gesamtareals besteht aus einer Vielzahl von Bausteinen, die ineinandergreifen und ein komplexes Geflecht von topographischen, baukünstlerischen und inhaltlichen Sinnschichten bilden. Der enge Schulterschluss zwischen kirchlicher und politischer Gemeinde ermöglichte die Schaffung eines Gesamtensembles, das integral in die Ortsstruktur von Hebertshausen eingebunden ist. Die Idee war, über der nach Westen steil abfallenden Topographie des Hanges eine neue Eingangsplattform zu errichten. Das dadurch wieder möglich gewordene Westportal der Kirche fungiert nicht zuletzt als weit sichtbares äußeres Zeichen der Aktivierung und Wieder-Öffnung – denn im Zuge der letzten Kirchenerweiterung im 19. Jhd. in direktem Anschluss zur Hangkante war ein Umschreiten der Kirche unmöglich geworden und der Zugang zur Kirche nur durch ein Seitenportal möglich. Es war unser Ziel, nicht nur die vorgefundene einsturzgefährdete Bausubstanz denkmalpflegerisch zu konservieren und zu restaurieren, sondern insbesondere dem Kirchenraum durch eine umfassende künstlerische Neuinterpretation wieder geistige und gestalterische Strahlkraft zu verleihen.

Ansicht St. Georg im Ortskern von Hebertshausen (Foto: Florian Holzherr)
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Das Friedhofareal ist untrennbar mit der Kirche St. Georg verbunden und durch seine Lage, Historie und Bestimmung von zentraler, sinnstiftender Bedeutung für alle kontextuellen Überlegungen. Ursprünglich nur im direkten Umgriff der alten Kirche St. Georg erwies sich seit jeher der südlich direkt an der Hangkante gelegene Teil des Areals mit seiner hohen Stützmauer und die Zuwegung aus der Ortsmitte mittels Treppen und Rampen als Herausforderung: eine aufwendige statische Sanierung und Ertüchtigung der bestehenden Stützbauwerke waren unumgänglich und Voraussetzung für die Durchführung jeglicher weiterer Maßnahmen. Zur topographischen Anbindung an die tiefer gelegene neue Pfarrkirche und die Ortsmitte wurde lediglich die historische Treppenanlage im Südosten in ihrer Lage erhalten und von Grund auf im direkten Anschluss zur alten Friedhofstützmauer neu aufgebaut.

Das bestehende Leichenhaus wurde von uns grundlegend saniert, neu gestaltet und erhielt in seiner Funktion als Aufbahrungsraum auch die Möglichkeit der persönlichen Abschiednahme. Gemeinsam mit dem Zubau der neuen Aussegnungshalle könnten diese Maßnahmen der bauliche Startpunkt einer neuen Trauerkultur der Gemeinde werden.

Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?

Die zehnjährige Projektierungs- und Bauzeit war stark geprägt durch den komplexen Kommunikations- und Abstimmungsprozess einer Vielzahl von Beteiligten – seien es die unterschiedlichen Bauherrschaften, die dortigen jeweils genehmigenden Gremien, aber auch die örtlichen Gemeindemitglieder: Zu nennen sind hier zum einen die Bauherrschaft bestehend aus der Kirchenverwaltung mit dem Pfarrer, dem Verein zur Erhaltung der St. Georg Kirche, den Vertretern von Kunst- und Baureferat der Erzdiözese München und Freising auf der einen Seite sowie der Bauherrenschaft der politischen Gemeinde Hebertshausen auf der anderen Seite. Große Ausdauer und Überzeugungskraft der Projektanten auf unterschiedlichen Ebenen waren erforderlich, um die einzelnen Belange zu integrieren.

Ansicht des Kirchenbaus vom Friedhof (Foto: Florian Holzherr)
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?

Das am Anfang des Projekts formulierte starke Gesamtkonzept umfasste schon die einzelnen baulichen und künstlerischen Massnahmen bis zum vollendeten Ganzen. Die unterschiedlichen und eigenständigen Architekturen konnten sich innerhalb dieses gefassten konzeptionellen Rahmens gut entwickeln. 

Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?

Vor allem in gestalterischer Hinsicht lassen sich der Raum und die liturgischen Orte nun wie ein großes chronistisches Buch begreifen und lesen: Das Buch ist gefüllt mit sichtbar gelassenen Spuren der Vergangenheit und schafft zugleich die Möglichkeit, die Eingriffe und Veränderungen aus dieser, unserer Bauzeit zu lesen – erkennbar sind dabei auch die unterschiedlichen Handschriften der tätigen Personen und Entscheider. Die Gegenwart, das Hier und Jetzt, wird auf ganz besondere Weise erfahrbar in diesem sich nun wandelnden Licht- und Farbraum.

Eingangssituation St. Georg Kirche (Foto: Florian Holzherr)
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?

Das Bauen an St. Georg umfasst sowohl handwerkliche und traditionelle als auch digitale und innovative Bautechniken und Baumaterialien. Beispielhaft möchte ich auf den Einsatz der innovativen Gründungs- und Schalungstechnik der Betonarbeiten verweisen – insbesondere zur Hangbefestigung. Außerdem wurde neueste digitale Frästechnik der Steinbearbeitungen eingesetzt, zum Beispiel beim neuen Altar und dem Ambo. Daneben wurden aber auch alte Materialien und Techniken wieder aufgegriffen – wie der eingebrachte Kalk-Estrichboden mit Ziegel- und Natursteinzuschlägen. Und nicht zuletzt haben wir für die Herstellung der neuen Glaskunst auf eine der ursprünglichsten Ätz-Techniken von Glas mittels Flusssäure zurückgegriffen.

Im Zusammenspiel des sensiblen Geflechtes aus Altem und Neuem entsteht die besondere Atmosphäre der Transzendenz an diesem Ort.

Schwarzplan (Zeichnung: Heim Kuntscher)
Lageplan (Zeichnung: Heim Kuntscher)
Schnitt (Zeichnung: Heim Kuntscher)
St. Georg Kirche 
2020
Am Weinberg
85241 Hebertshausen

Auftragsart
Direktauftrag
 
Bauherrschaft
Pfarrei zum Allerheiligsten Welterlöser, Hebertshausen
Erzbischöfliches Ordinariat München und Freising
Gemeinde Hebertshausen
 
Architektur
Heim Kuntscher Architekten und Stadtplaner BDA PartGmbB, München
 
Fachplaner
Elektroplanung: Elektro Kraft, München
HLS-Planung: Eura Ingenieure Weißmann, München
Landschaftsarchitektur: Großberger Beyhl und Partner, München
Tragwerksplanung: Zilch Müller Ingenieure GmbH, München
 
Kunst am Bau Autor
Prof. Jerry Zeniuk, München
Glaskunst im Langhaus
 
Ausführende Firmen
Baumeister Eingangsplattform und Stützmauer: Zechbau GmbH, München
Baumeister Kirche: STIPP Bauunternehmung GmbH, Icking
Bestuhlung: ag möbelfabrik horgenglarus, CH-Glarus
Bodenbeläge Kalkestrich: Erwin Wiegerling Restaurierungswerkstätten, Gaißach
Bodenbeläge Schwellen: Fa. Dichtl, Buchbach
Dachdeckung-/Spenglerarbeiten: Knörnschild Bedachungen GmbH, Karlsfeld
Elektroinstallation: Schöngruber & Haas Elektroanlagen GmbH, Bergkirchen
Garten-/Landschaftsbau: Fa. Josef Saule GmbH, Augsburg
Glasarbeiten: Gustav van Treek, Bayrische Hofglasmalerei, Werkstätten für Mosaik und Glasmalerei GmbH, München
Heizung-/Sanitärarbeiten: Herzog GmbH, München
Kunstschlosserarbeiten: Bergmeister Kunstschmiede, Ebersberg
Malerarbeiten Fassade: M&W Piller Malerwerkstätten GmbH, Hebertshausen
Putzarbeiten Fassade: Jakob Schnitzer & Sohn Stuckgeschäft GmbH, Augsburg
Raumschale: Hans Pfister GmbH, Heinrichshofen
Restaurierungsarbeiten Wandmalerei: Iris Badstuber-Feuchtmeir, Rimsting
Restaurierungsarbeiten Holz: Neubauer Restaurierungswerkstätten GmbH, Bad Endorf
Schlosserarbeiten: Josef Dopfer Metallbau Schlosserei, München
Schreinerarbeiten: Fa. Hartig, Bad Birnbach
Steinmetzarbeiten: Fa. Dichtl, Buchbach
Zimmerarbeiten: Schwarz GbR, Ottmannshausen

Bruttogeschossfläche
Kirche (inkl. Zubau/Eingangsplattform): 230 m²
Aufbahrung/Aussegnung (inkl.Friedhofportal): 160 m²

Gesamtkosten Brutto
Kirche inkl. Friedhofareal und Stützmauer (Kirchenstiftung): 3.900.000 €
Aufbahrung und Aussegnung sowie Treppenanlage (pol. Gemeinde): 1,150.000 €

Fotos
Florian Holzherr, Gauting

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