Gemeindezentrum Unser Lieben Frauen in Bremen

Versteckt und kraftvoll

Völlmar und Pahl
4. April 2018
Blick vom Vorplatz auf den Baukörper des Gemeindesaals. Ein großes Fenster mit Holzlamellen gewährt einen ersten Einblick
Völlmar und Pahl Architekten haben in Bremen das neue Gemeindezentrum "Unser Lieben Frauen" fertiggestellt. Thomas Völlmar erläutert, wie aus dem abgelegenen Bauort ein starker Raum für die Gemeinde wurde.
Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?
Mit dem Gemeindezentrum „Unser Lieben Frauen“ konnte ein ganz besonderer neuer Ort mitten in der Stadt geschaffen werden: etwas zurückgesetzt von der Straße, durch einen Vorplatz erschlossen, liegt ein stiller Hof, der an einen Kreuzgang erinnert. Der Lärm der Straße rückt in weite Ferne, wenn man auf dieser quadratischen Fläche steht, die vierseitig von einer Kolonnade aus präzise gestalteten Betonfertigteilen gefasst ist. Die schlanken Stützen haben eine feine Oberfläche aus gesäuertem, sandsteinfarbenem Beton und schaffen eine solide und zugleich leicht wirkende Fassung des Raums. Ein Magnolienbaum akzentuiert den Hof, zu dem sich der hohe Saal, das eingeschossige Gemeindehaus und eine zweigeschossige Kindertagesstätte mit großen Fensteröffnungen hin orientieren.
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?
Wir haben versucht, den Wunsch nach einem neuen, identitätsstiftenden Ort für die Gemeinde sehr wörtlich zu nehmen und dieses Anliegen konzentriert auf das Wesentliche in Innen- und Außenraum zu übersetzen. Dabei war es uns wichtig, mit vertrauten Bildern zu arbeiten und Archetypen – wie das Bild des Kreuzganges oder des holzgetäfelten Saals – zu verwenden. Zusätzlich wurden als „Erinnerungsstücke“ Bauteile (zum Beispiel das Sandsteinrelief am Eingang zum Hof) aus dem alten, einst an anderem Ort stehenden Gemeindehaus im neuen Gebäude weiterverwendet.
Vom Vorplatz aus blickt man in den Hof, von dem aus das Gebäudeensemble erschlossen wird
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?
Das Baufeld erschien auf den ersten Blick als Ort für ein Gemeindezentrum ungewöhnlich, vielleicht sogar ungeeignet. Weit zurück von der Straße, fast im Gartengrün der umgebenden Wohnbebauung gelegen, kaum sichtbar von der Straße aus. Wir haben dieses Verstecktsein zum Kern des Entwurfs gemacht und mit dem Hof, um den sich das Gebäudeensemble gruppiert, einen sehr eigenen Ort geschaffen, den man von der Straße aus erstmal nur ahnt, der aber neugierig macht und der gerade durch seine Zurückgezogenheit eine besondere Kraft entwickelt. Das Material des Gebäudes – ein heller Ziegel – und dessen besondere Verwendung in einem Ziermauerwerk, stehen in der Tradition des nordischen Backsteinbaus.
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?
Glücklicherweise konnte die ursprüngliche Idee aus dem Wettbewerb, der Hof als Herz des Ensembles, bis zur Realisierung unverändert erhalten bleiben – und das, obwohl es sich dabei um einen Gebäudeteil handelt, der nicht im Raumprogramm vorkam und für den entsprechend auch kein Budget vorgesehen war. Dass der Hof trotzdem realisiert wurde, verdanken wir unseren engagierten Bauherren, die immer das Ganze im Blick hatten und vor allem stets im Sinne eines guten, langlebigen Ergebnisses entschieden haben.
Im Hof befinden sich die Eingänge zur Kindertagesstätte, zur Gemeinde und zum Saal
Durch flexibel einstellbare Holzlamellen lassen sich im Saal ganz unterschiedliche Atmosphären generieren
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?
Wir versuchen, Häuser zu entwerfen, die zurückhaltend, zeitlos, langlebig und fein detailliert sind. So besteht dieses Gebäude vor allem aus den ganz „normalen“ Materialien Backstein, Beton und Holz, die hier dank guter Zusammenarbeit mit den Handwerkern mit einer speziellen Sorgfalt und Raffinesse verwendet wurden. Die Betonfertigteile wurden durch eine samtige, gesäuerte Oberfläche und eine präzise ausgewählte Farbigkeit verfeinert, die Backsteine zum Teil in einem speziellen Zierverband gemauert, das Holz der Fenster erhielt eine in mehreren Musterproben entwickelte, feine Lasur, die die Maserung durchscheinen läßt. Energetisch entspricht das Gebäude selbstverständlich aktuellen Standards, wobei wir stets anstreben, soweit es geht ohne umständliche, komplizierte Technik auszukommen und schon durch die Konfiguration des Hauses eine Basis zu schaffen, die sowohl im Winter als auch im Sommer für ein angenehmes Klima in den Innenräumen sorgt.
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?
Das Gebäude wird durch wenige, besonders ausgewählte Materialien geprägt. Im Äußeren sind das die hellen Backsteine, die Betonfertigteile und die hölzernen Fensterrahmen aus sibirischer Lärche, im Innern sind es Einbauten aus sibirischer Lärche, ein betongrauer Linoleumboden, sowie einzelne Akzente in Himmelblau. Farbe und Vielfalt kommt durch die Nutzer ins Haus, die ruhigen Räume bilden den Hintergrund für ein buntes vielfältiges Gemeindeleben.
Blick vom Saal über den Vorbereich unterhalb der Orgelempore in den Hof
Die beiden Ebenen der Kindertagesstätte werden durch eine großzügige hölzerne Treppe miteinander verbunden
Lageplan
Grundriss
Schnitt
Projekt
Gemeindezentrum Unser Lieben Frauen
Hermann-Heinrich-Meier-Allee 40
28213 Bremen

Nutzung
Gemeindehaus und Kindertageseinrichtung

Auftragsart
Wettbewerb

Bauherrschaft
Bremische Evangelische Kirche, Bremen

Architektur
Völlmar Architektur und Katja-Annika Pahl, Hamburg/Bremen

Projektleitung: Thomas Völlmar, Katja-Annika Pahl
MitarbeiterInnen: Denise Scherf, Corinna Neumannn, Mirko Willert

Fachplaner
Tragwerksplanung: Zill Klochinski Hütter Scharmann Partnerschaftsgesellschaft mbB Beratender Ingenieure VBI, Bremen
HLS-Planung: v+w Ingenieurplanung Voigt und Witting OHG, Bremen
Elektroplanung: IKE - Ingenieurgesellschaft für Kommunikations- und Energietechnik, Bremen
Freiraumplanung: Anna Viader, Berlin mit nsp, Hannover
Ausschreibung, Vergabe Bauleitung (LPH 6-8): Campe Janda Architekten, Bremen

Kunst am Bau
Lutzenberger + Lutzenberger, Bad Wörishofen
Prinzipalstücke Saal, Kreuz Fassade

Ausführende Firmen
Rohbau: Kuhlmann Bauuntern. GmbH & Co. KG, Metjendorf

Fensterbau: Tischlerei Dittmer GmbH, Amt Neuhaus
Innenausbau: Schultze und Schultze GmbH S2, Bremen
Innentüren: Theodor Schulte GmbH, Scharrel
Trockenbau: B. Schlichter GmbH & Co. KG, Lathen
Metallbau: Jünemann & Menk GmbH, Bremen

Produkte/Hersteller
Verblender, Egernsunder Ziegel
Betonfertigteile, BWE BAU
Bodenbelag, Linoleum Forbo
Fliesen, Mosa Tiles
Stoffe, Fuggerhaus, S&V
Türdrücker, FSB
Schaltersystem, Albrecht Jung
Bodenplatten außen, Klostermann

Bruttogeschossfläche
1.750 m² (davon 1.475 m² BGFa)

Gesamtkosten
ca. 4.400.000 €

Fertigstellung
2017

Fotos
Stefan Müller, Berlin

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