Baumkirchen Mitte

München
Luftaufnahme
Foto © Marcus Hassler
Steg
Foto © Sonja Weber
Steg
Foto © Sonja Weber
Sitzgelegenheit
Foto © Stephan Ondracek
Landschaftsarchitekten
mahl gebhard konzepte
Standort
München
Jahr
2020
Kosten
1 Mio. – 100 Mio.

Inkubator Biodiversität

Auf dem 15 Hektar großen Gelände des ehemaligen Bahnbetriebswerks in Berg am Laim, München ist das Stadtquartier „Baumkirchen Mitte“ seit 2013 entstanden.
Fast 70 Jahre lang wurden hier Lokomotiven und Güter rangiert und repariert. Nun bietet das Areal Raum für 1300 Einwohnerinnen und Einwohner sowie Arbeitsplätze, Flächen für den Einzelhandel, ein Hotel, öffentliche Grünflächen und zwei Kindertagesstätten. Die Freiflächen mit ihren integrierten Spielflächen sollen die Anwohner sowie Besucher zum Verweilen und Erholen einladen. Eine zum Teil gemeinschaftlich nutzbare Dachlandschaft leistet den Ausgleich zu der dichten Bebauung.

Der Bestand ein „hot spot“ der Biodiversität

Fast die Hälfte -7 ha- der gesamten Fläche wurde als Ökologische Vorrangfläche ausgewiesen. Pflanzenwuchs auf aktiven Bahnflächen unterliegt permanenten Störungen. Fallen Bahnflächen aus der Nutzung, so regiert die Vegetation relativ rasch darauf. Deshalb sind die stillgelegten Gleisanlagen heute von mosaikartiger Vegetation geprägt und erhalten ihren eigenen Charme durch die offenen Ruderalflächen, die sich mit aufkommenden Birken und rahmenbildenden, älteren Gehölzen abwechseln.
Das Bahnbetriebswerk entwickelte sich durch die Stilllegung zu einer naturnahen Bahnbrache. Humusarme Substrate (z.B. Gleisschotter) speichern kaum Wasser und begünstigen dadurch schüttere Magerrasen. So ist hier ein „hot spot“ und ein „Inkubator“ der Biodiversität entstanden, die dem Areal in Kombination mit der belassenen Gleisanlage eine besondere Identität verleihen. Mehrere geschützte Tierarten haben aufgrund der für sie idealen, trockenen und heißen Standortbedingungen und der Mischung aus lückiger, niedriger Vegetation und besonnten Säumen und Gebüschen einen Vorkommensschwerpunkt. Zahlreiche Insekten wie die Blauflügelige Ödlandschrecke und die Blauflügelige Sandschrecke, aber auch kleine Wirbeltiere wie die Zauneidechse können auf der Vorrangfläche beobachtet werden - sie sind streng geschützt (§7 (2) 14, BNatSchG).
Neben dieser besonderen Natur prägen aber auch die aufgegebenen Gleisanlagen mit dem Stellwerk, der Drehschiebe oder den Signalanlagen diesen besonderen Ort.

(Pflege)Konzept

Um diesen naturnahen Trockenstandort mit seiner hohen Artenvielfalt zu erhalten, wurde ein Pflege- und Entwicklungskonzept aufgestellt. Die Sukzession führt ohne weitere Pflege zu waldartigen Beständen, weshalb die immer wiederkehrende Zurücknahme des Gehölzaufwuchses und die Freihaltung geeigneter, besonnter Standorte wichtige Maßnahmen darstellen.
Im Bereich der Sukzessionsflächen wird das Totholz belassen, um Insekten und kleinen Wirbeltieren Unterschlupf zu bieten. Die Rohbodenrotation bietet nicht nur Reptilien wie der Zauneidechse einen idealen Standort, um ihre Eier in die sandigen Böden zu legen.

Minimaler Eingriff - Monitoring und Erlebnispfad

Eine besondere Herausforderung stellte die Zugänglichkeit der ökologischen Vorrangfläche dar: Mittels aufwändigen Monitorings und eigens entwickelter Stege konnten naturschutzfachliche Belange eingehalten werden und dennoch von Anwohnern als naturnaher Erholungsraum barrierefrei erschlossen werden. Der Höhenunterschied zwischen Wohnbebauung und ökologischer Vorrangfläche konnte mit Rampen ausgeglichen werden. Der Erlebnispfad im tieferliegenden Gleisbereich ist auf der Westseite über Treppen und an der Ostseite durch eine barrierefreie Rampe erreichbar. Der aufgeständerte Weg führt vorbei an der historischen Eisenbahn-Drehscheibe, mit der früher Waggons und Lokomotiven bewegt wurden. Hier ist eine Tribüne entstanden, sodass die Lokdrehscheibe als Freilufttheater dienen kann.
Es ist gelungen ,die Besonderheit des Verfalls dieser ehemaligen Eisenbahnflächen so zu inszenieren, dass man die einzigartige Schönheit dieser Flächen erkennen kann und gerade der Gegensatz zwischen den Vegetationsflächen und den verfallenden Gleisanlagen sowie der Drehscheibe bieten einen sehr reizvollen Kontrast.

In der Zwischenzeit hat sich das Gelände zu einem höchst attraktiven Ort auch für die Bewohnerinnen und Bewohner insbesondere für die Kinder und Jugendlichen entwickelt.

Dazugehörige Projekte

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