Ina Nikolova: „Heute ist erfreulich vielen Chefs klar, dass Nachhaltigkeit höheren Investitionen zum Trotz wirtschaftlich sinnvoll ist“

world-architects.com
3. April 2022
Foto: Sebastian Dörken

Die Pandemie hat unseren Arbeitsalltag auf den Kopf gestellt. Doch darum hat das Büro als Arbeitsplatz längst nicht ausgedient, meint Ina Nikolova von Kinzo aus Berlin. Gefragt seien nachhaltige und flexible Konzepte.

Ina, ist das Büro als Arbeitsplatz ein Auslaufmodell oder erwartet uns eine Renaissance? 

Ina Nikolova: Zu Beginn der Pandemie sagten viele ganz dramatisch, Corona sei das Ende des Büros als Arbeitsplatz – für immer. Doch das stimmt überhaupt nicht. Home-Office und klassische Büroarbeit ergänzen sich gut. Der Trend geht zu Mischformen. 

Die Arbeit im Home-Office bietet zwar Vorzüge, hat aber auch Nachteile.

So ist es. Die Home-Office Erfahrung ist für uns alle sehr individuell, je nach Wohnsituation und Familienstand. Gerade Eltern kommen nicht umhin, sich gleichzeitig auch um ihre Kinder zu kümmern, sind ständig zum Multitasking gezwungen. Das erzeugt großen Stress. Auch berichten unsere Kunden immer wieder, dass ihnen im Home-Office der spontane Austausch sehr fehlt. Kein Call kann ein persönliches Gespräch ersetzen. Besonders gilt das, wenn kreative Aufgaben im Team gelöst werden müssen, also zum Beispiel in Architektur- oder Grafikbüros. Kurzum, klassische Büros werden nicht verschwinden, sie bieten nach wie vor viele Vorteile. Allerdings verändern sie sich: Schon vor der Pandemie wurde vieles kritisch hinterfragt. Der Trend ging bereits weg von fixen Arbeitsplätzen und hin zu flexibleren Strukturen, die verschiedene Umgebungen für den Austausch, konzentriertes Arbeiten oder Telefonate und Videokonferenzen bieten. Die Pandemie hat einfach Entwicklungen beschleunigt, die schon früher begonnen haben. Unserer Meinung nach wird das Büro der Zukunft eher ein Treffpunkt sein, ein Ort für spontane wie auch geplante Kommunikation. 

Kinzo, Amore-Pacific-Headquarter, 2017–2019 (Foto: Schnepp Renou)
Foto: Schnepp Renou
Foto: Schnepp Renou

Allerdings gibt es mittlerweile auch Firmen, die mit ihren flexiblen Büros unglücklich sind und auf traditionellere Konfigurationen zurückkrebsen.

So manches wurde einfach gemacht, weil es neu und angesagt war. Viele Unternehmen wollten mit der Zeit gehen und haben darüber ihre echten Bedürfnisse vergessen. Jeder meinte, eine Lounge und einen Tischkicker im Büro haben zu müssen, weil man das bei großen amerikanischen Unternehmen gesehen hat. Doch nicht jedes innovative Konzept ist für jede Firma geeignet.

Um solche Enttäuschungen zu vermeiden, ist es wichtig, die Bedürfnisse der künftigen Nutzer abzuholen und zu verstehen. 

Wir gestalten immer öfter partizipative Planungsprozesse – das nennen wir Phase 0. Diese Zeit geht bisweilen recht lange, bei manchen Projekten dauert sie ein Jahr. Wir versuchen, unsere Kunden genau kennenzulernen und machen beispielsweise Workshops zur Bedarfsanalyse mit ihnen. Auch besuchen wir sie oft in ihren aktuellen Büros und fragen ihre Tagesabläufe ab. Nur so können wir erkennen, welche Büroformen sie wirklich brauchen. Mittlerweile können wir uns schon gar nicht mehr vorstellen, ohne diese umfangreiche Kennenlernphase zu arbeiten. Nur sie ermöglicht uns maßgeschneiderte Lösungen. Die Herausforderung in der Planung besteht ja darin, dass man einerseits aktuelle Bedürfnisse abbilden muss, andererseits aber auch zukünftige Entwicklungen antizipieren sollte. Wir versuchen, perspektivisch auf zehn bis zwanzig Jahre vorauszudenken.

Denn idealerweise wird ein Büro nicht nach einigen Jahren umgebaut, sondern ist flexibel genug, um lange ohne größere Anpassungen genutzt zu werden.

Genau! Das ist am nachhaltigsten. Uns ist Dauerhaftigkeit sehr wichtig, sie ist eine vielleicht unterschätze Komponente zukunftsfähiger Gestaltung. 
Wir versuchen zudem, Mehrfachnutzungen zu ermöglichen. Heute haben wir das Problem, dass viele Gebäude nur während bestimmten Zeiten genutzt werden, das gilt besonders auch für Bürobauten. Eine bessere Auslastung unseres Gebäudeparks wäre ökologisch definitiv sinnvoll. 

Kinzo, KWS Berlin, 2020 (Foto: Schnepp Renou)
Foto: Schnepp Renou
Foto: Schnepp Renou

Was kann man im Bereich der Innenarchitektur noch für den Klimaschutz tun?

Bei der Gestaltung von Innenräumen spielen Materialien und Oberflächen eine wichtige Rolle. Man sollte kritisch hinterfragen, wo sie herkommen, wie lang die Transportwege sind, wie viel Energie für den Transport aufgewendet wird, wie sie hergestellt werden und welche Rohstoffe zum Einsatz kommen. Uns ist auch wichtig, dass die Möbel und Materialien, die wir einsetzen, recycelbar sind. 
Es besteht allerdings eine gewisse Gefahr des Greenwashings: Die Industrie hat nämlich längst verstanden, dass eine immer größere Nachfrage nach zukunftsfähigen und umweltfreundlichen Lösungen besteht – darum preisen die Marketingabteilungen vieler Firmen alles als ökologisch sinnvoll an. Man muss wirklich aufpassen und ist als Gestalterin gefragt, genau hinzusehen. Wir haben bei Kinzo nicht zuletzt deswegen eine eigene Nachhaltigkeits-Task-Force eingerichtet, die uns immer wieder zu neuen Materialien, Kreislauffähigkeit, Lieferketten und dergleichen brieft.

Eine sorgfältige Planung mit langer Kennenlernphase, wie du sie eben beschrieben hast, kostet viel Zeit und somit Geld. Auch sind nachhaltige Materialien oft auf den ersten Blick teurer. Diese Investitionen rechnen sich zwar mittelfristig, doch nicht für alle ist das offensichtlich. Viele Architekturschaffende klagen, dass es nicht immer einfach ist, Bauherrschaften davon zu überzeugen. 

Wir erleben einen Wertewandel: Immer mehr Menschen haben in Deutschland eine gesteigerte Sensibilität für die Klimakrise; sie fordern zukunftsfähige Lösungen. Schlimme Entwicklungen wie die Flutkatastrophe beschleunigen diesen Trend noch zusätzlich. Zudem sind sich immer mehr Firmen ihrer Vorbildfunktion bewusst und versuchen, ihr gerecht zu werden. Hinzu kommt, dass viele Menschen sich aufgrund der Globalisierung und der Marktlage aussuchen können, wo sie arbeiten möchten. Firmen bemühen sich darum, gerade für junge Arbeitnehmer möglichst attraktiv zu sein. Heute ist erfreulich vielen Chefs klar, dass Nachhaltigkeit höheren Investitionen zum Trotz wirtschaftlich sinnvoll ist.

Kinzo, Covestro-Headquarter, Leverkusen, 2017–2021; das Gebäude wurde vom Architekturbüro HENN entworfen. (Foto: Werner Huthmacher)
Foto: Werner Huthmacher
Foto: Werner Huthmacher
Ina Nikolova hat Architektur an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart studiert. Sie hat praktische Erfahrungen in Architekturbüros in Sofia, Stuttgart und Berlin gesammelt mit den Schwerpunkten Bauen im Bestand, Labor- und Schulbau. Zudem hatte sie Lehraufträge für Wohnungsbau und Entwerfen an zwei Hochschulen. Seit 2019 ist sie Projektleiterin bei Kinzo.
 
New Work, Sustainability und Home-Office im Fokus
Unter dem Motto „Home of Consumer Goods“ finden vom 3. bis 7. Februar 2023 erstmalig die Ambiente, die Christmasworld und die Creativeworld zeitgleich auf einem der modernsten Messegelände der Welt statt. Besonders die neue Ausgestaltung des Produktbereiches Working unter dem Dach der Weltleitmesse Ambiente schafft zukunftsorientierte Impulse. Denn bei Ambiente Working dreht sich alles um die Themen Bürobedarf und Büroausstattung – im Hinblick sowohl auf das klassische Office, aber auch mobiles Arbeiten, Home-Office, Co-Working-Spaces und Future of Work.
www.consumergoods-frankfurt.com | www.ambiente.messefrankfurt.com/working
 
Future of Work Academy digital im Vorfeld der Ambiente in Frankfurt
Die Future of Work Academy richtet sich an Architekten, Facility Manager und Planer wie auch an Händler für Bürobedarf und -einrichtungen. Nach seiner erfolgreichen Premiere 2017, beleuchten dieses Jahr insgesamt vier Vorträge die derzeitigen Veränderungen der Arbeitswelt, digitale Lösungen zur Zusammenarbeit sowie nachhaltige Konzepte für einen modernen Arbeitsplatz. Die Future of Work Academy liefert online im Vorfeld der der Ambiente am 2. Mai 2022 von 14 bis 17 Uhr Vorträge, die jeweils anderen Sichtweisen auf das Thema Arbeit Raum geben. 

Anmeldung zu den Online-Vorträgen am 2. Mai 2022 mit Peter Ippolito (Ippolito Fleitz Group), Jessica Borchardt (BAID Architekten), Margit Sichrovsky (LXSY Le Roux Sichrovsky Architekten), Petra Pfeiffer und Andreas Moser (Moser Assoziierte Architekten)
Ambiente Working – Future of Work Academy – Anmeldung

World-Architects ist Content-Partner der Messe Frankfurt.

Andere Artikel in dieser Kategorie