Soziale Stadt Waldhäuser-Ost

Machleidt GmbH
15. September 2021
Konzeptisometrie: Machleidt

Machleidt GmbH Städtebau + Stadtplanung mit Planorama Landschaftsarchitektur gewinnen den Wettbewerb Soziale Stadt Waldhäuser-Ost in Tübingen. Benjamin Wille, Lasse Schmalfuß (beide Machleidt) und Fabian Karle (Planorama) stellen sich unseren Fragen zum Wettbewerb.

Nach drei Jahren intensiver Beteiligung der Bewohnerinnen und Bewohner sollten darauf aufsetzend im Wettbewerb stadträumliche Visionen für den Stadtteil Waldhäuser-Ost aufgezeigt werden. Welche Antworten gibt Ihr Entwurf auf die Frage, die der Wettbewerb stellt?

Alter Baumbestand in großen, aber undefinierten Freiräumen mir darin schwimmenden heterogenen Baustrukturen prägen den Stadtteil Waldhäuser-Ost. Unser Entwurf zeigt ein langfristiges städtebauliches, freiräumliches und verkehrliches Leitbild zur behutsamen Weiterentwicklung der Wohnsiedlung zum integrierten Stadtquartier auf. Wegweisend hierbei sind klare baulich-räumliche und funktionale Setzungen und die spürbare Definierung unterschiedlich konnotierter Räume. Durch die Implementierung einer klaren in Nord-Süd-Richtung verlaufenden Raumfolge sowie deren Vernetzung mit diversen Ost-West-Verbindungen entsteht so ein prägendes Freiraumgerüst, welches die differenzierten Nachbarschaften innerhalb als auch außerhalb des Berliner Rings miteinander verknüpft. Damit fungiert das freiräumlich-funktionale Rückgrat auch als Orientierungsgeber, wertet Adresslagen auf und wird zum wichtigen Identifikationselement.

Behutsame, präzise gesetzte bauliche Ergänzungen formulieren neue, klar zugeordnete öffentliche, gemeinschaftliche oder private Freiräume und entwickeln gleichzeitig die Identität der Waldstadt zu einem zukunftsfähigen sozialen Wohnquartier weiter. Dieses setzt sich aus drei Teilräumen mit individuellen Wohn- und Aufenthaltsqualitäten zusammen, wobei sich alle drei Ensembles als integrierte Bestandteile der sozialen Stadt Waldhäuser Ost zu einer übergeordneten Einheit mit verbindenden durchgrünten Freiräumen aus vorhandenem Baumbestand und neuen vielfältigen Freiraumangeboten formen.

Leitbild (Zeichnung: Machleidt)
Wie haben Sie auf den Kontext reagiert?

Anhand der Ausbildung ortsspezifischer baulicher Einheiten wird, trotz und gerade mit der heterogenen Bestandsbebauung, ein klares städtebauliches Bild geschaffen. Die Ergänzung baulicher Strukturen innerhalb des Berliner Ring definiert private (und gemeinschaftliche) sowie öffentliche Räume, macht diese erlebbar und erwirkt somit eine klare Adressbildung und trägt zusätzlich zur Entstehung eines gelebten Nachbarschaftsgefüges mit unterschiedlichen Abstufungen an Privatheit bzw. Öffentlichkeit bei. 

Das Prinzip der baulichen Arrangements wird auch im westlichen Teil des Quartiers aufgegriffen. Durch die Setzung von achtstöckigen Punktbauten wird die Präsenz der bestehenden Wohnhochhäuser nicht in Frage gestellt, sondern komplementiert und weitergeführt. Somit wird die bestehende Bebauung in Szene gesetzt und entlang des Berliner Rings durch die markanten Punktbauten eine weitere, grüne Adresslage ausgebildet.

Durch die mögliche bauliche Ergänzung im östlichen Teil des Quartiers könnte die städtebauliche Struktur auch dort eine Strukturierung und Definierung der Räume erfahren.

Außerhalb des Berliner Rings wird die organisch anmutende Setzung der baulichen Einheiten weitergeführt, jedoch durch eine Durchmischung von Geschosswohnungsbau und Reihenhäusern erweitert, um verschiedene Bewohnergruppen mit sozialer Mischung anzusprechen.

Das Studentendorf im Süden des Quartiers erfährt eine bauliche Arrondierung. Dies schafft zum einen eine klare Adressbildung, generiert neue Stadtansichten und wird im Norden räumlicher wie gestalterischer Teil des neuen Stadtteilzentrums. Ein kleiner Stadtbalkon mit integriertem Café im EG spielt hier geschickt mit der Topografie und eröffnet aus geschützter Lage spannende Blicke auf das geschäftige Treiben am Berliner Platz.

Öffentliche Räume (Zeichnung: Machleidt)
Welche Vorstellung von Stadt, Arbeiten und Wohnen liegt Ihrem Entwurf zugrunde?

Den Rahmen der Vorstellung von Stadt liegt der Grundsatz der durchmischten europäischen Stadt zugrunde. Diese steht konträr zu den formalistisch geplanten Siedlungen der 60er und 70er Jahren entgegen, die meist funktionsgetrennt und autogerecht aufgebaut sind. Das Ziel ist es unter der Berücksichtigung der bestehenden Strukturen neue Nutzungen und Nutzungsformen sowie innovative Mobilitätsangebote zu setzen die Synergieeffekte untereinander erzeugen und den Stadtteil bereichern. 

Das Stadtteilzentrum wird als einziger Ort bewusst komplett als erkennbar neu gestalteter Raum entwickelt und symbolisiert den Wandel der autogerechten Wohnsiedlung der 70er Jahre in ein gemischtes Stadtquartier der Zukunft. Es besticht durch seine hohe Dichte und vielfältige Durchmischung verschiedenster Nutzungen, Freiräumen und Mobilitätsangeboten. 

Der Grüne Quartiersplatz ist ein sozial geprägtes nachbarschaftliches Quartierszentrum. Dieses wird von einer Vielzahl von sozialen Nutzungen gerahmt und dient somit als zentraler Treffpunkt für die angrenzenden Nachbarschaften. Innerhalb der Gebäude findet zudem eine Nutzungsmischung statt. So ist in dem Sonderbau das Pflegeheim, betreutes Wohnen, das Wohncafe sowie die Mensa für die Waldhäuser-Ost Grundschule untergebracht. Das Ziel ist es die verschiedenen Generationen von Waldhäuser Ost zusammenzuführen.

Die bestehenden Wohnformen werden durch eine große Mischung an unterschiedlichen Wohnformen ergänzt und führen zu einer demografischen, sozialen und ethnischen Heterogenität der Bewohner.

Perspektive (Visualisierung: Machleidt)
Was wird die Qualität des überarbeiteten Quartiers ausmachen?

Die wichtigste Errungenschaft ist die schrittweise und anpassungsfähige Transformation der Waldstadt in ein zukunftstaugliches robustes Stadtquartier, welches den Bestand und seine Nutzer mit auf den Weg des Wandels nimmt.

Vertiefung (Bild: Machleidt)
Auf welche Erfahrung konnten Sie bei der Bearbeitung zurückgreifen?

Beide Planungsbüros haben umfangreiche Erfahrungen bei der Mitwirkung und Moderation von komplexen, interdisziplinär durchgeführten Planungsprozessen auf verschiedenen Maßstabsebenen innerhalb ihrer spezi-fischen Fachgebiete, aber auch bei der integrierten Betrachtung und Konzeptionierung der verschiedenen sektoralen Teilbereiche. Dabei spielt die Einbindung lokaler Akteure, der Politik und Verwaltung sowie der Bewohner eine entscheidende Rolle. Kompetenzen bei der Organisation und Durchführung von Beteiligungsprozessen und unterschiedlichen Partizipationsmethoden sind vorhanden. 

Die Machleidt GmbH profitiert von langjährigen Erfahrungen in den verschiedenen Aufgabenfeldern der Stadtplanung und des Städtebaus. Das Büro wird sich im Rahmen der Auftragsbearbeitung insbesondere um städtebaulich-stadtplanerische Themen und die Öffentlichkeitsbeteiligung kümmern sowie die Koordination der beteiligten Büros übernehmen. 

Insbesondere der städtebauliche Entwurf als gestalterische und strategische Rahmenplanung von der teilstädtischen Betrachtungsebene und deren Einbindung in den übergeordneten Kontext bis hin zu detaillierten Raumfragen für die Vertiefungen sowie die enge Schnittstelle zur bürointernen Abteilung für Bauleitplanung und dem damit bereits im Rahmenplanungsprozess eng verbundenen vorausschauenden und -planenden Blick hin zur anstehenden Schaffung von Baurecht stellen zwei Kerndisziplinen der Machleidt GmbH dar.

Planorama Landschaftsarchitektur ist ein interdisziplinäres Team aus Landschaftsarchitekten, Architekten, Designern und Ingenieuren, die sich alle gemeinsam der hochwertigen Gestaltung unseres Lebensumfeldes verschrieben haben. Gemeinsam verfügt das Büro über 300 Jahre geballte Berufserfahrung und Know-How, die es stark machen für die Herausforderungen der Zukunft. Schwerpunkt ist die deutschlandweite Erarbeitung anspruchsvoller Objektplanungen im landschaftsarchitektonischen Kontext. Bearbeitet werden überwiegend größere Projekte in Generalplanung, die meist aus gewonnenen Planungswettbewerben hervorgegangen sind. Unseren Kunden bieten wir das komplette Leistungsspektrum für die Planung und den Bau hochwertiger Freiräume aus einer Hand. Wir entwerfen gerne, wir planen gerne und wir bauen gerne. Unser Anspruch ist die komplette Abwicklung eines Projektes vom ersten kreativen Gedanken bis zum letzten Stein auf der Baustelle.

Masterplan (Zeichnung: Machleidt)
Schwarzplan (Zeichnung: Machleidt)
Ist schon ein Rahmenplan in Arbeit?

Die Beauftragung des Rahmenplanes befindet sich derzeit noch im Vergabeverfahren. Der Beginn der Erstellung des Rahmenplanes wird voraussichtlich im September erfolgen.

Soziale Stadt Waldhäuser-Ost in Tübingen
Nicht offener Wettbewerb
 
Ausloberin: Universitätsstadt Tübingen
Betreuung; kohler grohe architekten, Stuttgart
 
Jury
Prof. Susanne Dürr, Architektin, Karlsruhe (Vorsitzende) | Cord Soehlke, Baubürgermeister, Universitätsstadt Tübingen | Prof. Dr. Frank Lohrberg, Freier Landschaftsarchitekt bdla, Stuttgart | Prof. Annette Rudolph-Cleff, Architektin, Mannheim | Prof. Dr. Johann Jessen, Stadtplaner DASL/ ARL, Stuttgart | Boris Palmer, Oberbürgermeister Universitätsstadt Tübingen| Dr. Daniela Harsch, Bürgermeisterin Universitätsstadt Tübingen | Ingeborg Höhne-Mack, Tübingen | Klaus Dieter Hanagarth, Tübingen
 
1. Preis
Machleidt GmbH, Berlin | Benjamin Wille
Planorama Landschaftsarchitektur, Berlin | Maik Böhmer
Mitarbeit: Leon Morscher, Lasse Schmalfuss, Fabian Karle, Piroska Szabo, Mareen Leek, Natasha Varga-Papp

2. Preis
Planetz Architektenpartnerschaft, München | Johannes Petzl
OK Landschaft, Büro für Garten und Landschaftsarchitektur, München | Andreas Kicherer
Mitarbeit: Malgorzata Hellblau
 
3. Preis
Hähnig | Gemmeke Freie Architekten, Tübingen | Prof. Mathias Hähnig, Martin Gemmeke
Mitarbeit: Judith Schweizer, Christiane Kolb, Larissa Mieser

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