Kreislauf des Lebens

Franz&Sue und Schenker Salvi Weber
13. Juli 2022
Blick auf die die Berliner Stadtreinigungsbetriebe | BSR (Visualisierung: Franz&Sue und Schenker Salvi Weber)
Am Bahnhof Südkreuz im Berliner Bezirk Tempelhof-Schöneberg beabsichtigen die Berliner Stadtreinigungsbetriebe die Errichtung eines neuen Standorts auf dem Gelände ihres ehemaligen Recyclinghofes.  Welche Ausgangssituation haben Sie vorgefunden?

Ziel der Berliner Stadtreinigung war von Beginn an, dass am Standort Berlin Südkreuz ein neues Bürogebäude mit wirtschaftlichen, ökologischen und menschlichen Qualitäten für die Zentralisierung ihrer Verwaltungseinheiten entsteht. Die Ausschreibung sah zwei zentrale Aufgaben vor: einerseits ein BSR-Bürohaus mit Arbeitsplätzen für Mitarbeitende, andererseits ein Bürohaus für externe Firmen mit Landmark-Charakter für das neu entstehende Quartier. Ein offener Campus soll die Gebäude zusammenfassen. Wichtig war auch, dass das neue Gebäude einen Vorbildcharakter hat. Themen wie Kreislaufwirtschaft und Nachhaltigkeit sollen transparent und für Besucherinnen und Besucher erlebbar sein – durch die Anbindung an die S-Bahn werden zukünftig viele Menschen und auch Mitarbeitende von anderen BSR-Standorten an diesem Knotenpunkt unterwegs sein. Um diese Sichtbarkeit auf allen Ebenen zu erreichen, sollten wir neben den architektonischen auch die freiräumlichen Qualitäten entwickeln: einen Stadtplatz und Durchwegungen am Bauplatz als Verbindung ins Wohnquartier. Da haben wir an ein extrovertiertes Haus gedacht, das seinen Blick nach außen richtet – wir verzichten auf Innenhöfe und schneiden dafür die Kubatur mehrmals großzügig ein, um viele Ein- und Ausblicke zu schaffen.

Lageplan (Zeichnung: Franz&Sue und Schenker Salvi Weber)
Wie organisieren Sie die Gebäude?

Wir schaffen zwei voneinander getrennte Baukörper, die sich in ihrer Formensprache ähneln und daher wie ein Ensemble wirken. Durch die Einschnitte der Kubatur ergeben sich gut belichtete Büros mit Blick auf die Stadt und ein Dialog mit der Nachbarschaft. Das öffentliche Erdgeschoß umfasst das Foyer mit Gastronomie und Service-Einrichtungen, Ausstellungsbereichen und Shops. Außerdem haben wir einen Umweltlehrpfad konzipiert, der sich um und durch das Gebäude zieht und die Themen rund um Müllentsorgung, Nachhaltigkeit und Recyclebarkeit für BesucherInnen erlebbar macht. In den Geschoßen darüber entsteht eine neue Arbeitswelt: Die äußere Bürozone umfasst die kommunikative Mitte mit stockwerksbezogenen Sonderflächen wie Meeting Points, Besprechungsräumen, Loggien und Teeküchen. Um den Austausch unter den Mitarbeitenden zu fördern, haben wir vertikale Sichtverbindungen und informelle Wege geplant. Sollten die Büroflächen zu groß werden, können sie in separate 400-m2-Einheiten geteilt werden – nach Bedarf können auch Bereiche an externe Mieter innerhalb des BSR-Gebäudes untergebracht werden.

Schnitt (Zeichnung: Franz&Sue und Schenker Salvi Weber)
Grundriss Erdgeschoss (Zeichnung: Franz&Sue und Schenker Salvi Weber)
Was macht das Besondere der Gebäude aus?

Die Rezyklierbarkeit der eingesetzten Materialien und deren Langlebigkeit und Trennbarkeit ist eine wesentliche Entscheidung, die auch der Unternehmenskultur der BSR entspricht. Wir verwenden etwa Ziegel für Boden- und Wandbeläge, Keramik bei der Fassade, setzen auf nachwachsende Rohstoffe wie Holz und erneuerbare, fossilfreie Energien. Zukunftsweisend sind auch die moderne Arbeitswelt mit ihren flexiblen Strukturen sowie die vielen individuellen und informellen Arbeitsmöglichkeiten. Die offene Struktur und die schwellenlosen Übergänge schaffen eine Zugänglichkeit für alle. Der Ort soll zum Treffpunkt und Begegnungsort für Besucherinnen und Besucher, Mitarbeitende sowie Bürger und Bürgerinnen der Stadt Berlin werden. 

Berliner Stadtreinigungsbetriebe | BSR (Visualisierung: Franz&Sue und Schenker Salvi Weber)
Welches architektonische Thema war Ihnen besonders wichtig?

Ein wesentlicher Punkt bei der Ausarbeitung des Projekts war die Fassade. Hier gab es mehrere Ansprüche zu erfüllen, zum einen jene, die aus der Konstruktion heraus betrachtet werden mussten, zum anderen eine Identität zu entwickeln, die das Unternehmen widerspiegelt. Das Gebäude ist so konzipiert, dass sich eine umlaufende Holzkonstruktion mit einer sechs Meter tiefen Raumschicht an den massiven Kernbereich anhängt. Somit war es ausgeschlossen schwere Fassadenmaterialien einzusetzen. Gesucht wurden Materialien, die eine hohe Wertigkeit ausstrahlen, im Sinne der Kreislaufwirtschaft Nachhaltigkeit versprechen und in ein gesamt Architektonisches Bild passen. Wir haben uns schlussendlich für eine Keramikfassade entschieden. Zum einen harmoniert sie wunderbar mit den angedachten Ziegelböden im Freiraum, das Material ist langlebig und zeitlos schön, kann aber auch nach seinem Lebensende in einen Prozess des Downcyclings gelangen.

Die Gebäude hinterlassen durch die geschosshohen Fassadenlamellen beim Betrachter je nach Blickwinkel einen anderen Eindruck. Fassadenfronten schließen und öffnen sich beim Vorübergehen oder Fahren. Die Mitarbeiter genießen über nahezu Raumhohe Fensteröffnungen den Blick nach außen gerichtet auf Berlin. 

Die BSR als bürgernahes Unternehmen öffnet und verzahnt sich mit seiner Umgebung.

Innenraum (Visualisierung: Franz&Sue und Schenker Salvi Weber)
Gibt es Besonderheiten zu den Themen Energieeffizienz und Nachhaltigkeit?

Die neuen Gebäude der BSR verfolgen den Ansatz von nachhaltigem Materialeinsatz, Suffizienz, und klimafreundlichem Betrieb und Bauweise durch die Nutzung von nachwachsenden, wiedernutzbaren und rezyklierten Materialien, Produktion von erneuerbaren Energien, fossilfreier Wärmeversorgung und einem geschlossenen Wasserkreislauf. Das Konzept trägt zum Vorbildcharakter der BSR in der gesellschaftlichen Perspektive im Umgang mit Ressourcen, Kreislaufwirtschaft, Abfallvermeidung und Abfalltrennung bei und macht Nachhaltigkeit und Kreisläufe durch interessante und informative Elemente sichtbar und erlebbar für die Öffentlichkeit. Der Kreislauf- und Rezyklieransatz spiegelt sich direkt in der rezyklierfähigen Materialauswahl und den ressourcenschonenden Konstruktionselementen wider. Der große Anteil an Holzbau im Gebäude schafft einen klimafreundlichen Materialeinsatz. Der Holzbau trägt wesentlich zur Reduktion von CO₂-Emissionen in der Baukonstruktion des Gebäudes bei und reduziert den CO₂-Fußabdruck an grauen Emissionen um etwa 60% gegenüber einem herkömmlichen Stahlbetonbau am Standort. 

Alle im Gebäude verbauten Materialien werden in einem digitalen Digitalkataster erfasst - Austauschzyklen und Position der verwendeten Baustoffe werden so transparent gelistet. Das Gebäude wird so zum Baustofflager der Zukunft. Die Rückbaubarkeit und Möglichkeit der Wiedernutzung der Materialien trägt zur Kreislaufwirtschaft bei, denn für jedes Bauteil soll eine sortenreine Trennbarkeit gegeben sein. 

Holzbau (Zeichnung: Franz&Sue und Schenker Salvi Weber)
Gibt es schon einen geplanten Fertigstellungstermin?

Mit Ende 2026 möchte die BSR in Ihre neuen Büroräumlichkeiten übersiedeln. 

Modell (Foto: Franz&Sue und Schenker Salvi Weber)
Berliner Stadtreinigungsbetriebe | BSR Standort Südkreuz in Berlin
Nicht offener Wettbewerb
 
Auslobung: BSR Südkreuz Entwicklungsgesellschaft mbH & Co. Immobilien KG
Betreuung: [phase eins], Berlin
 
Jury
Dr.-Ing. Verena Brehm, Architektin, Hannover | Prof. Dr.-Ing. Uta Pottgiesser, Architektin, Berlin/Detmold/Delft | Prof. Kirsten Schemel, Architektin, Berlin/Münster | Prof. Zvonko Turkali, Architekt, Frankfurt a. M./Hannover | Julian Weyer, Architekt, Århus | Stellv.: Francesca Saetti, Architektin, Berlin | Prof. Joachim Schultz-Granberg, Architekt, Berlin/Münster | Stephanie Otto, Vorstandsvorsitzende BSR, Berlin | André Steffen, Vorsitzender Gesamtpersonalrat BSR, Berlin | Manfred Kühne, Abteilungsleiter Städtebau und Projekte, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen, Land Berlin | Jörn Oltmann, Stellvertretender Bezirksbürgermeister und Leiter der Abteilung Stadtentwicklung und Bauen Tempelhof-Schöneberg, Berlin | Stellv.: Werner Kehren, Vorstand Finanzen BSR, Berlin | Frank Hempel, Stellvertretender Vorsitzender Gesamtpersonalrat BSR, Berlin | Susanne Walter, Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen, Land Berlin | Ina Carrasco, Leiterin Stadtentwicklungsamtes Tempelhof-Schöneberg, Berlin
 
2. Preis + 1. Rang nach Überarbeitung
Franz und Sue ZT GmbH, Wien
Schenker Salvi Weber Architekten ZT GmbH, Wien
Mitarbeit: Robert Diem, Thomas Weber, Suvi Repo, Elisabeth Nobl, Nikola Joksimovic, Anna Romanova, Marie Schweighofer, Nikola Buncic, Sinem Firat
Fachberatung: Merz Kley Partner ZT GmbH, Gordian Kley | Büro Happold, Peter Scheibstock, Hannah Langmaack | bbz landschaftsarchitekten Berlin GmbH https://german-architects.com/de/bbz-landschaftsarchitekten-bern, Findus Reinkober, Marc Leppin, Timo Hermann | CES clean energy solutions GesmbH, Klaus Kogler, Andreas Karl | Ingenieurbüro Seidl, Uwe Seidl
 
2. Preis + 2. Rang nach Überarbeitung
ZRS Architekten GvA mbH, Berlin | Eike Roswag–Klinge, Jan Schreiber
Mitarbeit: Bruno Röver, Marine Miroux, Michel Cordes, Ramona Schaefer, Lisa-Maria Kolbinger
Fachberatung: Schönherr Landschaftsarchitekten, Berlin, Mareike Schönherr, Ilaria Cesari, Francesco Montesarchio | Brandschutz: Monique Bührdel | Kreislaufgerechtes Bauen: Andrea Klinge | Ökobilanz/Energieberatung: Eve Neumann | Tragwerk/Schallschutz: Uwe Seiler, Hendrik Behrens, Sarah Mohrmann | Energiekonzept: Ingenieurbüro Hausladen, München, Elisabeth Endres, Lisa Neubert | Visualisierung bloomimages, Berlin | Modell: Fernando González, Berlin
 
2. Preis + 3. Rang nach Überarbeitung
Burckhardt + Partner Generalplaner GmbH, Berlin | Carsten Krafft
Mitarbeit: Christoph Jantos, Edward Nicholson, Miglé Beinortaite, Ana Allirangues, Ellen Meyer, Valeria Spinelli
Fachberatung: Atelier Loidl, Landschaftsarchitekten Berlin GmbH, Martin Schmitz, André Feldmann | TGA/Structural Engineer/Facade Engineer: Büro Happold GmbH, Berlin, Alexander Flügge, Lars Dobberstein, Justus Zarb, Michael Salvo, John Pfluke, Aikaterini Doulkari

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