Klinikerweiterung im denkmalgeschützten Bestand

Glass Kramer Löbbert Architekten
7. September 2022
Modell (Foto: Thomas Schmidt, ICONWORX)
Das Universitätsklinikum Münster (UKM) plant die Zentralisierung der Psychiatrie und der Psychosomatik an einem Standort, durch einen Erweiterungsanbau an das denkmalgeschützte Psychiatriegebäude. Welche Ausgangssituation haben Sie vorgefunden?

Städtebaulich gesehen liegt der Standort an der Schnittstelle zwischen den ursprünglichen Klinikbauten der 1920er-Jahre und den verschiedenen jüngeren Ergänzungen der letzten Jahrzehnte. Das Bestandsgebäude der Klinik für psychische Gesundheit, zwischen 1927 und 1932 erbaut, strahlt mit seiner barock anmutenden Dreiflügelanlage und seiner damit in einem gewissen Kontrast stehenden nüchternen Lochfassade eine heitere Ruhe und Geborgenheit aus. Die parkähnlichen Außenanlagen erzeugen einen sehr hohen Aufenthaltswert. Funktional liegt die Ausgangssituation einer gut nutzbaren Klinik vor, die aber mittelfristig um rund 60 zusätzliche Betten erweitert werden muss. 

Bestand (Quelle: Auslobung)
Worin lag die Herausforderung der Aufgabenstellung?

Im beschriebenen städtebaulichen Übergangsbereich musste sich ein Entwurf für die Klinikerweiterung vermittelnd verhalten und sowohl in einen Dialog mit dem denkmalgeschützten Bestand treten, als auch eine eigene, sich daraus ableitende Haltung entwickeln.  Die Aufgabenstellung forderte darüberhinaus hochwertige neue Außenräume, die auch für die Therapie der ansässigen Patienten eine Rolle spielen.  

Eine besondere Herausforderung war auch der in der Auslobung formulierte Wunsch, den Neubau für zwei bis drei Jahre als Interimsstandort für die Unterbringung von Patientinnen und Patienten aus dem Zentralklinikum für die Zeit dessen inneräumlicher Sanierung zu nutzen.  Die Krankenzimmer mussten also so konzipiert werden, dass sie unter möglichst geringem Aufwand von der Interimsnutzung zur endgültigen Bestimmung überführt werden können.  

Lageplan (Zeichnung: Glass Kramer Löbbert Architekten)
Wie kamen Sie Sie zum vorgeschlagenen Baukörper?

Die Form des vorgeschlagenen Baukörpers begründet sich einerseits städtebaulich, indem Bezüge aus der Umgebung aufgenommen werden und gut proportionierte Außenräume geschaffen werden, andererseits funktional im Hinblick auf die Möglichkeit eines zentralen Pflegestützpunktes mit Einblick und kurzen Wegen in die hier abzweigenden Stationsflügel. 

Die Traufhöhe des Bestandsgebäudes wird durch den vierarmigen Erweiterungsbau zu allen Seiten über die Stirnseiten der Köpfe übernommen und stellt eine sinnfällige Verwandtschaft her. Zur Mitte des Neubaus hin steigen die Dachflächen leicht gefaltet an und stärken so einerseits die eigenständige Figur. Andererseits unterstützt die Dachlandschaft ebenfalls die Ensemblewirkung zwischen alt und neu.

Parallel zu den umgebenden Raumkanten und Straßen verankern die Köpfe den Neubau im Kontext. Zur Mitte hin ergeben sich aus den unterschiedlichen Richtungen des Campus vermittelnde Schrägen, die dem Neubau ein starkes Zentrum und dem Campus zu allen Seiten hin gut proportionierte Höfe bieten.

Funktionsverteilung (Zeichnung: Glass Kramer Löbbert Architekten)
Wie organisieren Sie die Klinikerweiterung?

Im Zentrum der Erweiterung befindet sich mit Orientierung nach Osten der Haupteingang mit unmittelbarem Bezug zum Pfegestützpunkt. Durch die zentrale Anordnung und die Lage in der Nähe zum Bestandsanschluss ensteht für das Personal hier sowie auf den oberen Ebenen eine selbstverständliche Übersicht über alle Bereiche. Zwei Innenhöfe machen sich die konischen Aufweitungen der Gebäudeflügel zunutze, bringen Licht und Transparenz ins Innere und sorgen für eine einfache Orientierung.

Die Krankenzimmer entwickeln sich entlang der beiden längeren, nach Westen und Süden orientierten Flügel, an deren  Enden Flurverbreiterungen mit Aufenthaltsmöblierung und Blick in den Campus für eine räumliche Aufwertung sorgen.

Die Therapie- und Sporträume sind im Übergang zum Bestand angeordnet, so dass der Therapiebereich auch von den übrigen Stationen und die Sporthalle zusätzlich über einen direkten Außenzugang von Externen einfach genutzt werden kann. Beide sind vom zentralen Empfang aus gut einsehbar.

Grundriss Erdgeschoss (Zeichnung: Glass Kramer Löbbert Architekten)
Grundriss 1. Obergeschoss (Zeichnung: Glass Kramer Löbbert Architekten)
Schnitt (Zeichnung: Glass Kramer Löbbert Architekten)
Welches architektonische Thema war Ihnen besonders wichtig?

Tatsächlich ist uns die Summe der entwickelten und hier beschriebenen städtebaulichen und architektonischen Qualitäten wichtiger als ein einzelnes Thema. Das umfasst die eigenständige und doch vermittelnde Baukörperform, die differenzierten Außenräume, die durch die raumgreifende Figur definiert werden,  aber auch die innenräumliche Qualität mit ihrer hohen Tageslichtausbeute, Nutzerfreundlichkeit und guten Orientierbarkeit und nicht zuletzt das Thema der nachhaltigen Materialisierung mit einer harten mineralischen Hülle, die deutlich Bezug zum Bestand aufnimmt und einer freundlichen, möglichst holzsichtigen Konstruktion und Oberflächengestaltung im Inneren.

Blick auf die Eingangssituation (Visualisierung: Glass Kramer Löbbert Architekten)
Innenraum (Visualisierung: Glass Kramer Löbbert Architekten)
Welche Materialstrategie schlagen Sie vor?

Eine einfache, kostengünstige Bauweise, die im Kontext bestehen kann und eine angemessene zeitgenössische Übersetzung bietet, prägt den konstruktiven Entwurfsansatz und die Materialisierung:

Umfassendes einschaliges Hochloch-Ziegelmauerwerk mit einer außen aus der Ziegelfassade des Bestandes entwickelten Putzfarbe verbindet sich innen mit einer Holz- bzw. Holz-Beton-Hybridstruktur für Stützen und Decken, die in den öffentlichen Bereichen sichtbar und einladend die Innenräume prägt. 

Im Zusammenspiel mit dem farbigen Fassadenputz gliedern umlaufend gleiche quadratische Öffnungen das Erscheinungsbild. Die dauerhaften, materialsichtigen Hartholzfenster kombinieren jeweils eine großzügige Festverglasung, die innen eine Sitzbank erhält, mit geschlossenen schmalen Lüftungsflügeln, die gleichzeitig eine Reinigung der Fenster ohne zusätzliche Hilfsmittel erlaubt. Ein wartungsarmer textiler Sonnenschutz unterstreicht die freundliche Anmutung des Hauses. 

Ein robuster mineralischer Bodenbelag prägt die öffentlichen Bereiche während die Patientenzimmer und sonstigen Stationsräume mit einem weichen Belag nach den jeweiligen Anforderungen ausgestattet werden.

Fassadendetail (Zeichnung: Glass Kramer Löbbert Architekten)
Gibt es schon einen geplanten Fertigstellungstermin?

Eine sehr schnelle Realisierung ist für das Klinikum vor dem Hintergrund der angestrebten Interimsnutzung und damit verbundenen kurzfristig erforderlichen Sanierung des Zentralklinikums essentiell. Der Rahmenterminplan befindet sich zurzeit in Abstimmung.

Ansicht Ost (Zeichnung: Glass Kramer Löbbert Architekten)
Ansicht Süd (Zeichnung: Glass Kramer Löbbert Architekten)
Ansicht West (Zeichnung: Glass Kramer Löbbert Architekten)
Ansicht Nord (Zeichnung: Glass Kramer Löbbert Architekten)
Erweiterung der Klinik für Psychische Gesundheit in Münster
Nicht offener Wettbewerb
 
Auslobung: UKM Infrastruktur Management GmbH
Betreuung: post welters + partner mbB Architekten & Stadtplaner BDA/SRL, Dortmund
 
Jury
Prof. Christine Nickl-Weller, Architektin, Nickl & Partner Architekten AG, München, Vors. | Peter Bastian, Architekt, Peter Bastian Architekten BDA, Münster | Andreas Benesch, Architekt, UKM IM, Münster | Andreas Kurz, Bauassessor, Fachstellenleiter Stadtplanungsamt, Stadt Münster | Dr. Michael Ludes, Architekt, LUDES Architekten-Ingenieure GmbH, Recklinghausen | Lena Uhle, Architektin, Ministerium für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes NRW, Düsseldorf | Benedikt Bradtke, UKM Münster | Prof. Dr. med. Alex W. Friedrich, Ärztlicher Direktor, UKM Münster | Dr. rer. pol. Christoph Hoppenheit, stellvertretender Vorsitzender des Vorstandes, kaufmännischer Direktor, UKM Münster | Stephan K. Triphaus, Architekt, UKM IM, Münster | Thomas van den Hooven, Pflegedirektor, UKM Münster

1. Preis
Glass Kramer Löbbert Ges. von Architekten mbH, Berlin | Johan Kramer, Johannes Löbbert
Mitarbeit: Clarissa Dorsch, Julia Brilmayer, Giacomo Vacca
 
2. Preis
GSP Gerlach · Schneider + Partner Architekten mbB, Bremen
jes janßen eberlei-sobing architekten partg mbb, Bremen | Dennes Janßen, Peter Eberlei-Sobing, Detlef Thomsen
Mitarbeit: Justus Krause, Irina Zerr, Pauline Lang
 
3. Preis
Böhm & Thesing Architekten Partnerschaftsgesellschaft mbH, Köln | Prof. Dipl.-Ing. Peter Böhm, Prof. Dipl.-Ing. Manuel Thesing
Mitarbeit: Gordon Trill, Felix Möllering
Krankenhausbau: Thieken Architekten+Ingenieure, Dorsten | Rainer Thieken
Statik: Thieken Architekten+Ingenieure, Dorsten | Andreas Müller
Energieexperte: Green Building R&D GmbH, Düsseldorf | Helmut Müller

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