In der Mitte der Gesellschaft

allmannwappner
21. September 2022
Blick auf das Hospiz Haus des Lebens in München-Giesing (Visualisierung: Schmid Massie Studio)
Im Münchner Süden in Giesing soll ein Hospiz Haus des Lebens errichtet werden. Welche Ausgangssituation haben Sie vorgefunden?

Der Kontext des Grundstücks an der Kreuzung Martin-Luther-Straße und Weinbauernstraße ist sehr heterogen: eine stark differente Körnung, unterschiedliche Bebauungsdichten und Gebäudehöhen, verschiedene Entstehungszeiten, Dachformen und architektonische Qualitäten sowie zwei angrenzende Baudenkmäler, sowohl im Osten als auch im Norden, in Form eines zweigeschossigen Bauernhauses. Große Bäume an der östlichen Grundstücksgrenze, die beengte Gehwegsituation, die nach Norden hin abfallende Topografie, sowie die stark befahrene Martin-Luther-Straße sind ebenso prägend für das Grundstück und hatten somit einen wesentlichen Einfluss auf den Entwurf.

Lageplan (Zeichnung: allmannwappner)
Wie kamen Sie zum vorgeschlagenen Baukörper?

Durch das Auflösen des Gebäudes in zwei Baukörper unterschiedlicher Höhe, die sich an der Ecke überschneiden, haben wir versucht den Baukörper spezifisch am Ort einzugliedern. Die Traufe sitzt bewusst tiefer als beim denkmalgeschützten Gebäude im Osten und vermittelt zwischen den Traufhöhen im Osten und im Norden. Dadurch wird die Nutzung der Dachfläche des niedrigeren, und längeren Baukörpers als Dachterrasse ermöglicht und attraktive Freiflächen geschaffen. Die vorhandene Baulinie sieht einen kleinen Vorplatz an der Ecke des Grundstücks vor. Diese Idee wird aufgenommen und damit die Straßenflucht der Weinbauernstraße gefasst, die an dieser Kreuzung verspringt, so dass die Aufweitung der Weinbauernstraße unterstützt- und somit eine Engstelle des Gehwegs vermieden wird. Gleichzeitig kann so eine einladende und angemessene Adresse für den Neuen Baustein ausgebildet werden. Der kürzere und höhere, südliche Baukörper nimmt dabei die Flucht des sich in Planung befindlichen südlichen Gebäudes auf. Durch den Versatz können in den oberen Etagen Ausblicke von gemeinschaftlich genutzten Flächen in Richtung Isarauen inszeniert werden. 

Grundriss Erdgeschoss (Zeichnung: allmannwappner)
Wie organisieren Sie das Hospiz Haus des Lebens?

Der Neubau will vermitteln, und das nicht nur in städtebaulicher Hinsicht. In der Mitte der Gesellschaft und als Bestandteil des Alltäglichen ist dieser neue Typus Hospiz geplant, der sich zugleich einladend präsent und abschirmend privat in die Nachbarschaft einfügt. 

Die zentrale Eingangssituation über den kleinen Vorplatz an der Grundstücksecke bietet einen öffentlichen, repräsentativen und einladenden Zugang zum Gebäude. Direkt an das großzügige Foyer angrenzend befindet sich im nördlichen Bereich die öffentlich zugängliche Gastronomie mit Bespielungsmöglichkeit des Innenhofes. Im südlichen Gebäudeteil ist der Seminarbereich verortet. Ein weiterer, privaterer Eingang befindet sich auf der Rückseite des Gebäudes.

Im ersten, sowie zweiten Obergeschoss werden Flächen für die Verwaltung, sowie Therapie- und Praxisbereiche vorgesehen, die eine Schnittstelle zwischen Öffentlichkeit und Hospiz bilden und sowohl von externen Besucherinnen und Besucher, als auch stationären Bewohner und Bewohnerinnen genutzt werden können. 

Wesentlicher Bestandteil des Hauses sind die Hospizzimmer, die in den zurückspringenden Dachgeschossen eingerichtet werden. Von der stark befahrenen Martin-Luther-Straße abgewandt, orientieren sich die Zimmer in Richtung Osten und profitieren vom Baumbestand entlang der Grundstücksgrenze. Die freundlich gestalteten Innenräume erweitern sich in begrünten Dachterrassen und Loggien. Die Zimmer werden über breite, helle Flure erschlossen, die eine freundliche Atmosphäre verleihen. Die großen Gemeinschaftsbereiche sind zentral am Treppenhaus angeordnet und für alle Bewohnerinnen und Bewohner gut zugänglich. Der einzigartige Ausblick von dort in die Weinbauernstraße bis ins Grüne ist eine besondere Qualität, die aus der Kubatur und städtebaulichen Positionierung entsteht 

Es gilt Schwellen abzubauen, Raum für Übergänge zu schaffen, Synergien zu heben und Austausch zu erleichtern, – zwischen den Anwohnenden, Patientinnen und Patienten, Angehörigen sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Die Philosophie des Hauses, „Hoffnung und Leben bis zum letzten Moment“, soll sich gebäudeimmanent ausdrücken und innen wie außen erfahrbar sein.

Grundriss 4. Obergeschoss (Zeichnung: allmannwappner)
Schnitt (Zeichnung: allmannwappner)
Welches architektonische Thema war Ihnen besonders wichtig?

Der neue Typus des Hospizes in der Stadt, in der Mitte der Gesellschaft und des Alltags bietet großes Potenzial. Die Präsenz im Stadtraum baut Schwellen ab und durch die Einbindung in die Nachbarschaft entstehen Synergien und Treffpunkte. Die gute Erreichbarkeit für Patientinnen und Patienten und deren Angehörige ermöglicht unterschiedliche Stufen der Unterstützung und soll zur Auseinandersetzung mit dem Sterben einladen. Diese Offenheit steht im Kontrast zu der notwendigen Privatsphäre der schwer kranken Menschen. Diesen Gegensatz im „Haus des Lebens” zu vereinen ist das Ziel, um allen Nutzergruppen gerecht zu werden. 

Das Beständige mit dem Veränderlichen zu verknüpfen, thematisiert die Hüllfläche des zweiteiligen Baukörpers als Analogie zum „Baum des Lebens”. In den unteren Geschossen wechseln sich raumhohe Fensteröffnungen mit geschlossenen Fassadenelementen ab, dabei wirken die lindgrünen Metallpaneele wie aufgereihte Baumstämme. In den oberen Geschossen, die jeweils zurückgesetzt sind, fächert sich die vertikale Fassadenstruktur ähnlich den Ästen einer Baumkrone auf und neigt sich zu einer begrünten Dachfläche. Dahinter liegen geschützte Außenräume sowie die hölzernen Patientenzimmer wie in einem Nest. Durch die Bepflanzung wandelt sich die äußere Erscheinung des Daches mit den Jahreszeiten.

Innenraum (Skizze: allmannwappner)
Welche Materialstrategie schlagen Sie vor?

Gemeinsam mit unserem Fachplanungs-Team legen wir bereits in den frühen Phasen den Grundstein für nachhaltige Projekte. Die Wahl und der effiziente Einsatz der Materialien und Baustoffe ist entscheidend für die ökologische Nachhaltigkeit des Gebäudes, da ein Großteil der Emissionen, die ein Bauwerk über seinen Lebenszyklus verbraucht beziehungsweise erzeugt, bereits in der Herstellungsphase anfallen.

Vorgesehen ist eine Holz-Hybridbauweise, wobei das Untergeschoss, sowie das Erdgeschoss und der Schließungskern als Betonkonstruktion, mit Anteilen von recyceltem Beton sowie recycelten Stahl ausgeführt werden sollen, während die Obergeschosse als Holzbau konzipiert sind. Das wirtschaftliche und effiziente Tragwerk ist so vorgesehen, dass der nachwachsende Baustoff Holz hierbei emissionsintensive Baustoffe ersetzt und gleichzeitig CO₂ in der Biomasse bindet, wodurch insgesamt die CO₂-Bilanz des Tragwerks gesenkt wird. 

Auch im Innenausbau sollen durch den Einsatz von Lehm- und Holzständerwänden, mineralischer Dämmung oder Basaltplatten natürliche und nachhaltige Materialien zum Einsatz kommen und wo möglich auch sichtbar eingesetzt werden.

Die vertikale Metallfassade assimiliert durch die lindgrüne Farbgebung mit den Bäumen. Die auskragenden Bereiche in den Dachgeschossen bieten sowohl baulichen Sonnenschutz als auch die Möglichkeit Holz als Material für Wände und Fenster einzusetzen, da der Witterungsschutz hergestellt ist. Durch die Elementierung aller Bauteile können diese in ihrer Gesamtheit ausgebaut und theoretisch wiederwendet werden. Die gesamte Konstruktion, wie die Fassade können vollständig in den geschlossen Wertstoffkreislauf zurückgeführt werden.

Detailschnitt (Zeichnung: allmannwappner)
Gibt es schon einen geplanten Fertigstellungstermin?

Voraussichtlich wird das Gebäude in 2025 fertiggestellt.

Ansichten (Zeichnung: allmannwappner)
Hospiz Haus des Lebens in München-Giesing
Einladungswettbewerb
 
Auslobung: Hospizdienst DaSein e.V.
Betreuung: Landherr und Wehrhahn Architektenpartnerschaft mbB, München
 
Jury
Lars Klatte, Architekt, Düsseldorf, Vors. | Prof. Johanna Meyer-Grohbrügge, Architektin, Darmstadt | Laura Fogarasi-Ludloff, Architektin, Berlin | Markus Müller, Vorstand DaSein e.V. | Mareike Durst, DaSein e.V. | Isabell Zacharias, DaSein e.V.
 
1. Preis
allmannwappner gmbh, München | Markus Allmann, Ludwig Wappner
Mitarbeit: Philipp Vogeley (Leitung Wettbewerbe), Patrik Uchal (Projektleitung), Hanna Kuppel, Lukas Conrad, Emil Roeck, Inés Jacob, Simon Köppl
 
Bandschutz: hhpberlin, Ingenieure für Brandschutz GmbH, Sachverständige für vorbeugenden Brandschutz | Petra Winkler
Tragwerk: knippershelbig | Stuttgart - New York - Berlin | Boris Peter
Energie: ingenieurbüro hausladen gmbh | Elisabeth Endres, Lisa Neubert
Visualisierung: Schmid Massie Studio, Copenhagen

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