Und (fast) immer grüßt das Steildach

Manuel Pestalozzi
15. Februar 2019
Das Siegerprojekt ist ein wieder aufgebauter, landestypischer Dreiseitenhof in Mittelfranken. Bild: Deutscher Landbaukultur-Preis

Von den zahlreichen Architekturpreisen und -Awards ist der jüngst vergebene Landbaukultur-Preis aktuell einer der interessanteren. Denn hinter ihm steht eine ebenso deutliche wie unerwartete Botschaft.

Für einmal geht es bei diesem Preis nicht um die Stadt und ihre Tentakel sondern ganz explizit um die Landwirtschaft und den ländlichen Raum. Besser gesagt: um deren Wandel. Anlass für ihn ist die Erkenntnis eines kulturellen Verlustes aufgrund veränderter Bewirtschaftungsformen und -techniken im Agrarbereich. 2014 initiiert und wesentlich finanziert vom Ehrenpräsidenten des Westfälisch-Lippischen Landwirtschaftsverbandes, Franz-Josef Möllers, will der Landbaukultur-Preis zeigen, in welcher zeitgemäßen Architektur und Landschaftsarchitektur eine zeitgemäße Landwirtschaft möglich ist. So kann er als Einladung an Fachkräfte aus den Sparten Architektur und Landschaftsarchitektur verstanden werden, sich mit den Anforderungen der heutigen Agrarwelt auseinanderzusetzen und so zu einer neuen, nachhaltigen Gestaltung landwirtschaftlicher Gebäude und ihrer Einbettung in die Landschaft zu gelangen. Trägerin ist die Stiftung LV Münster, eine Stiftung des Landwirtschaftsverlages in Münster. Der Deutsche Bauernverband sowie der Bund Deutscher Architekten und der Bund Deutscher Landschaftsarchitekten unterstützen den Preis ideell.

Eine Auszeichnung erhielt der durch Gössel + Kluge Generalplaner GmbH, Stuttgart, restaurierte Kienzlerhansenhof, Schönwald im Schwarzwald. Bild: Deutscher Landbaukultur-Preis
Wiederaufbau und Rettung

Der Hauptpreis des Deutschen Landbaukultur-Preises 2018/2019 von 10‘000 Euro ging an die Hofstelle der Familie Stiegler mitten in Gonnersdorf, einem kleinen Dorf in Mittelfranken. Nach einem verheerenden Brand der historischen Anlage entstanden Ersatzneubauten, entworfen von Dürschinger Architekten, Fürth. Sie interpretierten den landestypischen Dreiseitenhof neu – und das sei aufs Vortrefflichste gelungen, befand die Jury des Deutschen Landbaukulturpreises.

Unter den den vier Auszeichnungen zu 4‘000 Euro befindet sich ein altes Austrags- bzw. Altenteilerhaus in Viechtach in Niederbayern. Die Hauspaten Bayerwald KG, Viechtach, haben mit Architekt Peter Haimerl, München, aus einem seit Jahrzehnten leerstehenden, langsam zerfallenden Gebäude ein ansprechendes Wohnhaus mit einer Kombination von Holz, Beton, Glas und Granit geschaffen. 

Die Ruine dieses Austragshaus (Altenteilerhaus) Niederbayern ließ sich retten. Bild: Deutscher Landbaukultur-Preis
Wenig wirklich Neues

Die explizit „neue“ Landwirtschaft vertritt unter den Auszeichnungen und den drei zusätzlichen Anerkennungen zu 2‘000 Euro einzig der ökologische Sauenstall in Vollholzbauweise mit Außenauslauf für die Tiere, welcher Architekt Holger Fenchel, Meiningen, mit dem Landschaftsbüro Pirkl-Riedel-Theurer, Traisa, und Wolf System GmbH, Osterhofen für Christian und Dietmar May, Junkershausen, Unterfranken, realisierte. Bezeichnenderweise ist es das einzige gewürdigte Projekt, das nicht mit einem Steildach gedeckt ist. Ansonsten handelt es sich bei den Projekten um Restaurierungen, Umnutzungen, oder Rekonstruktionen im Bestand. Der aktuelle Situation auf dem Lande bildet sich über diesen Preis eher durch das Bewahren und das Anpassen des Hergebrachten ab und nicht durch eine Reaktion auf den Strukturwandel. So erscheint es fraglich, ob diese Beispiele den aktuellen Realitäten und den betrieblichen Bedingungen in der Landwirtschaft tatsächlich Rechnung tragen und der Baukultur Impulse vermitteln können. Dennoch verdient der Landbaukultur-Preis Aufmerksamkeit, denn er vermittelt einen Einblick in eine Kultur, die vielen fremd ist und für die „Landschaft“ mehr bedeutet als ein Parkgelände oder eine Spielwiese.

Der Biohof in Junkershausen, Unterfranken, erhielt ebenfalls eine Auszeichnung. Bild: Deutscher Landbaukultur-Preis

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