Slow Dating und Speed Building

Falk Jaeger
15. Juni 2021
Bahnhof Tianjin (Foto: Christian Gahl)

Die Hamburger Architekten gmp feiern in China seit zwei Jahrzehnten Erfolge. Insgesamt hat das deutschstämmige Büro in China bislang etwa 150 Projekte fertiggestellt. Ein Rückblick zum Jubiläum.

Um 2000 sahen deutsche Architekten angesichts der damals darniederliegenden Konjunktur verheißungsvolles Licht am Horizont im Osten. Sagenhafte Aufträge schienen in der Golfregion zu locken. Ganz zu schweigen vom fernen China. Es schien so einfach, mit überlegenem westlichen Know how zu punkten. Die Amerikaner machten es mit Hochhausprojekten in ganz Asien vor. Aus Hamburg zog Meinhard von Gerkan gen Osten und reüssierte im Reich der Mitte. Doch gmp konnte als einziges deutsches Büro in China in großem Stil Fuß fassen. Albert Speer, Gunter Henn, KSP erzielten mit einigen größeren Aufträgen Achtungserfolge. All die anderen mussten sich entmutigt wieder zurückziehen.

gmp hatten einen Türöffner: 1998 gewannen sie den Wettbewerb für die Deutsche Schule in Peking. Sie konnten also mit deutschem Bauherrn und unter gewohnten verwaltungs- und finanztechnischen Bedingungen in der chinesischen Hauptstadt ein Erstlingsprojekt errichten. Dass die Schule samt zugehörigem Apartmenthaus zum Referenzbau werden sollte, dazu bedurfte es noch eines zweiten Türöffners. Über Kontakte zu einer einflussreichen Kunst-Impressaria kam eine gmp-Ausstellung zustande, die erste Architekturausstellung in einem chinesischen Museum überhaupt. gmp konnten ihre eigene Architekturauffassung präsentieren und stießen auf großes Interesse. Mit ihrer signifikanten, wiedererkennbaren Architektursprache offerierten sie einen Trend – und für Trends war und ist man in China offen. Mit den folgenden Wettbewerbseinladungen und Direktaufträgen nahm eine Erfolgsgeschichte von ungeheurer Dynamik ihren Lauf.

Deutsche Schule Peking (Foto: Marcus Bredt)
Messe Nanning (Foto: Jan Siefke)

Zu den ersten Arbeiten gehörte gleich ein Großprojekt, das Messegelände in Nanning, dem eine zweite Messe in Shenzhen, eine dritte in Xi´an und sieben weitere folgten. Museen in Shanghai und Changchun, eine christliche Kirche in Peking, das Maritime Museum in Lingang, das Nationalmuseum in Peking und die Grand Theater in Chongqing, Qingdao, Nanning und Tianjin gehören zu den Kulturbauten. Daneben entstanden Verkehrsbauten wie Großbahnhöfe in Tianjin und Hangzhou oder das Terminal 3 am Flughafen Shenzhen sowie Sportstadien, der Century Lotus Sportpark in Foshan, das Olympic Sports Center in Shenzhen und das Shanghai Aquatic Sports Center für die Schwimmweltmeisterschaften 2011. Wolkenkratzer, z. B. 284 m hoch in Foshan oder 415 m in Nanjing sowie ganze Hochhauskomplexe wie in Nanjing, Hangzhou, Shanghai oder Pudong (Shanghai) mit bis zu 750'000 m² BGF sind fast schon Routine.

Ein Erfolgsgarant ist das schlagkräftige Büro in Peking, das gmp, anders als die Mitbewerber, von Anbeginn dort konsequent aufgebaut haben. Geführt wird es von Büropartner Stephan Schütz, der gemeinsam mit seiner Frau gmp-Vertreter der ersten Stunde in Peking war. Er leitet auch das Zweigbüro in Shenzhen, während das Zweigbüro in Shanghai von Büropartner Nikolais Goetze geführt wird. gmp hat in China 150 Mitarbeiter. Für den Erfolg äußerst wichtiger Chefrepräsentant seit 2001 und Büropartner ist der an der ETH diplomierte Wu Wei, der im Land gut vernetzt ist.
Organisatorisch ist die Arbeit so strukturiert, dass die Entwürfe in Hamburg oder Berlin entstehen und die Ausführung in China geplant wird. Junge chinesische Architekten werden in Deutschland eingearbeitet. Sie lernen die gmp-Architektur von der Pike auf (und die deutsche Sprache) und werden dann in den chinesischen Büros eingesetzt.
Der hohe Anteil an chinesischen Mitarbeitern ist hilfreich bei der Bewältigung der kulturellen Schranken und Fallstricke. gmp arbeiten mit über 30 verschiedenen Partnerbüros zusammen, manche nur örtlich, manche national aufgestellt, die Ausführungsplanung und Bauleitung übernehmen.

Messe Shenzhen (Foto: Christian Gahl)
Nationalmuseum Peking (Foto: Christian Gahl)

Neuland war für die Deutschen der Umgang mit Bauherrn und Behörden. Man lernt vor allem die operativen Manager kennen. Weitere Zuständigkeiten sind schwer zu durchschauen. Zuweilen bemerkt nur Wu Wei, wenn Verantwortliche wechseln, wenn jemand in der Hierarchie befördert oder degradiert wurde. Geschäftliche Treffen mit Verhandlungen und wichtigen Entscheidungen werden gerne in einen gesellschaftlichen Rahmen verlegt. Die in Deutschland gewohnte direkte, ergebnisorientierte Kommunikation ist in China nicht üblich. Hektik und Stress auch nicht, man nimmt sich Zeit, fast wie in Arabien. Konfrontationen werden gemieden. Statt „nein“ sagt man „vielleicht“. Ein Angebot formuliert ein Mitarbeiter im niedrigeren Rang, damit bei Ablehnung nicht der hochrangige Gesprächspartner das Gesicht verliert. Auch ein endgültiges Verhandlungsergebnis kann von Untergebenen langatmig in Möglichkeitsform referiert werden. Kluge Verhandlungspartner wissen dann, dass das letzte Wort gesprochen ist. Das Gesicht wahren hat oberste Priorität. Deshalb werden viele Tatbestände metaphorisch umschrieben. Harte Worte, direkte Schuldzuweisungen, Schadenersatzdrohung und dergleichen sind undenkbar. Kommt es zu einem kontroversen Meinungsaustausch, kann es durchaus sein, dass der chinesische Gegenüber plötzlich feststellt, man müsse nun zum Essen gehen, dann ist die Diskussion beendet. So laufen die Treffen gemeinhin harmonischer ab als in Europa üblich.

Shenzhen Universiade Sports Center (Foto: Christian Gahl)
Südbahnhof Hangzhou (Foto: Christian Gahl)

Viel Geduld ist also zu dieser Art „slow dating“ mitzubringen. Verträge werden kaum beachtet. Sie beinhalten ohnehin wenig justiziable Fakten. Wichtiger ist das Vertrauensverhältnis, das in vielen Kontakten aufgebaut wird. Es ist deshalb auch nicht ratsam, zu den Treffen chinesische Mitarbeiter zu schicken. Die fachspezifischen Mitarbeiter haben ohnehin nicht die Position, auf Augenhöhe zu agieren. Von Gerkan, Schütz oder Goetze – einer ist deshalb immer in China präsent. 
Dabei geschieht das Bauen in atemberaubendem Tempo und es wird wenig diskutiert oder in Frage gestellt. Deshalb ist das Kosten-Nutzen-Verhältnis bei der täglichen Architektenarbeit fünf- bis sechsfach günstiger als in Deutschland. Zudem arbeiten die chinesischen Mitarbeiter eher unter chinesischen Bedingungen, leisten also mehr Arbeitszeit und beanspruchen weniger Freizeit. Nur deshalb „lohnt“ sich die Arbeit in China für ein Büro wie gmp trotz des für die dortige Wertschöpfung ungünstigen Wechselkurses.

In China ist es nicht unüblich, nur eine Idee oder einen Vorentwurf zu bestellen und zu bezahlen, oder sich von einem Verfasser auf halbem Weg zu verabschieden. Jemand wird sich finden, der den Bau billiger realisiert. Damit haben einige deutsche Büros schmerzhaft Erfahrungen machen müssen. Das Bedürfnis deutscher Architekten, einen Entwurf bis zum Ende zu begleitet, um die Idee und die Qualität zu sichern, ist den Chinesen fremd. gmp, die nach wie vor fast alle ihre Projekte über Wettbewerbe generieren, gelingt es aufgrund ihrer Kenntnis der Gepflogenheiten und Strukturen meist, alle Leistungsphasen bis zum Schluss betreuen.
Inzwischen ist allerdings der Qualitätsvorsprung der Deutschen kleiner geworden, denn sowohl die chinesischen Planer als auch die Baufirmen haben beträchtlich aufgeholt. Das gilt auch für das ökologische, nachhaltige Bauen, das seit zehn Jahren politisch von ganz oben verordnet ist.
Der anfänglich sprunghaft wachsende Markt ist enger geworden. gmp haben ihr Engagement in China konsolidiert. Sie bauen hauptsächlich für die Öffentliche Hand und sind nur an wichtigen Projekten interessiert. Man möchte nicht mehr wachsen und das Verhältnis zwischen dem Geschäft in Deutschland und in China aus strategischen Gründen auf 50:50 einpendeln. „Wir haben unsere Wurzeln in Deutschland“, sagt Stephan Schütz

Vorgestelltes Projekt

Benjamin von Pidoll | Architektur

Haus Mau

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