Die Konferenz „Architecture Matters“ beleuchtet die Krise der deutschen Innenstädte

Real Estate Matters

Ulf Meyer
31. März 2021
Unter dem Titel „Rethinking Neuperlach“ fand während der Konferenz ein Workshop statt (Foto: Hines)

Auf der Münchner Architekturkonferenz „Architecture Matters“, auf der es – anders als der Name suggeriert – um die Immobilienwirtschaft geht, stand die Münchner Hochhaus-Diskussion und die Verödung der deutschen Innenstädte im Zentrum.

Der Hochhausbau im europäischen Städtebau ist ein fortwährender Eiertanz, schon seit er vor hundert Jahren begann. Ihn gedeihen zu lassen, ist Europäern zu liberal, ihn gänzlich zu verbieten, gälte aber als provinziell, also werden mühsam und in endlosen Kontroversen „Hochhausstandorte“ benannt, deren Grundstücksbesitzer sich über den enormen Wertzuwachs freuen und Häuser planen lassen, die dann durch Kürzung in der Höhe von Politik und Öffentlichkeit regelmäßig verschlimmbessert werden. Heraus kommen mediokre Stummeltürme, die fast wahllos über das Stadtgebiet verteilt sind.  

Die prosperierende Stadt München diskutiert, wo sie die nächsten Hochhäuser zulassen will: 03 Architekten haben für München einen Hochhausplan entwickelt, der auch laufenden Projekten den Anschein einer Planung geben soll. An der Paketposthalle von 1969 doktern Herzog & de Meuron an einem Zwillingsturm herum, während die Erben des Knorr-Bremse-Konzerns auf dem Firmenareal am U-Bahnhof Oberwiesenfeld ein neues Stadtquartier mit Hochhaus am Nordrand des Olympiaparks züchten. Im internationalen Vergleich lachhafte hundert Meter Höhe gelten als magische Grenze, die den Silhouetten der europäischen Städte zuzumuten ist, obwohl niedrige Hochhäuser schlimmer sind als hohe. Nach Entwurf von Ingenhoven Architects aus Düsseldorf will die Firma OPES Immobilien drei zehn- bis zwölfgeschossige Wohntürme bauen. Für Christoph Ingenhoven gebietet es die „Ökonomie des Architekturbüros“, dass – wenn der Architekt viel Zeit mit Diskussionen mit Hochhausgegnern verliert – weniger Zeit für den Entwurf bleibt. Ingenhovens Aufruf gegen Verzagtheit im deutschen Hochhausbau schloss sich die Stadtbaurätin Elisabeth Merk an. Architekt und Bauherr begegneten Merk auf der Konferenz virtuell. Die „Rechtfertigungs-Gesellschaft lähmt“ resümierte sie. Kritik würde immer gehört, „aber Befürworter artikulieren sich nicht“. Für Merk wachsen die neuen Münchner Hochhäuser organisch aus ihren Quartieren und sind keine autistischen Solitäre mehr wie in der klassischen Moderne. Ingenhovens Verdikt, dass „es in München kein Neubauprojekt gäbe, das schön ist“, konnte sich natürlich nicht stehen lassen und spielte den Ball an die Architektenschaft zurück. Die Entwerfer bezögen einfach nur „Positionen, die nie falsch sind“. Ihr sind Nah- und Fernwirkung, Farbe und Material von Hochhäusern wichtiger als ihre Höhe. Merks Traum sei der Bau von „genossenschaftlichen Öko-Wohnhochhäusern“.  

Es muss und kann nicht jedes Hochhaus gelingen. Aber während in New York Hochhäuser „kontextuell sind“ und mediokre Türme nicht weiter auffallen, gibt es in einer deutschen Großstadt meist nur zehn oder zwanzig Hochhäuser und die bekommen viel Aufmerksamkeit. Der Hochaus-Investor Ralf Büschl, der an der Pakethalle baut, stieß in dasselbe Horn: Er wünsche sich „noch viele neue Hochhäuser für München“. München sei zu groß, um es en détail zu planen und „gute Prozesse führen nicht zwangsläufig zu schönen Häusern“, befand Merk selbstkritisch. Die „Zeit der Masterpläne sei vorbei“ verkündete und nahm damit willentlich oder unwillentlich Bezug auf Reinier de Graafs neuen Roman „The Masterplan“, der auf der Konferenz Deutschland-Premiere feierte. „The Masterplan” ist der erste Roman des OMA-Partner und schweift geographisch und biographisch weit von den Konferenz-Themen ab.

Das Kaufhaus am Herrmannplatz in Berlin-Neukölln soll wieder aussehen wie vor dem Zweiten Weltkrieg (Visualisierung: Karstadt am Hermannplatz. SIGNA, David Chipperfield Architects. Berlin, in Planung. © SIGNA, David Chipperfield Architects)

Das zweite Haupt-Thema der Konferenz stand im krassen Gegensatz zum Auftakt: Den sterbenden deutschen Innenstädten geben Online-Shopping, bankrotte Kaufhäuser, Home-Office und Corona-Krise derzeit den Rest. Die wichtigsten Bautypen der deutschen Innenstädte sind in die Krise geraten – die Büro- und Kaufhäuser sowie die Einzelhandelsgeschäfte. Grund genug für die „Architecture Matters“-Konferenz, die Zukunft der Fußgängerzonen zum Thema zu machen. Die Journalistin Katja Eichinger aus Köln gab ironisch zu bedenken, dass „Shopping (neben Fußball und im Stau stehen)“ die letzten kollektiven Tätigkeiten der deutschen Gesellschaft seien. Für Eva Herr, die Leiterin des Stadtplanungsamts Köln, ist zwar die schnöde „Anlage-Architektur“ der Einkaufsstraßen und die Dominanz der immer gleichen Marken vom Teufel, aber in „Standortgemeinschaften“ für B-Lagen und gemeinsame Aktionen von Handelsverband und (Möbel-) Messe etwa, sieht sie Potential. Über eine „Innenstadt ohne Einzelhandel“ denkt sie bereits nach.

Während des andauernden Immobilien-Booms in Deutschland ist architektonische Qualität jedoch nicht erforderlich für den Erfolg – dieses Dilemma sieht man vielen innerstädtischen Neubauten an. Sie werden bald umgebaut werden müssen. Ulrich Höller von der Firma ABG Real Estate, die ebenfalls am Berliner Alexanderplatz, aber mit Jürgen Mayer H. baut, bedauerte, dass der Umbau von Büro- zu Wohnhäusern in Deutschland juristisch noch schwierig bis unmöglich sei. Zwar seien Ausbildung und Interessenvertretung der Immobilienwirtschaft in den letzten Jahren besser geworden, der Dialog mit Politik und Gesellschaft bleibe jedoch ein Schwachpunkt der Developer. Die Verwaltung erscheint ihm „personell ausgedünnt“, die Bürgerbeteiligung in einer parlamentarischen Demokratie „grenzwertig“ und die Politik im Konflikt mit ihrem eigenen Apparat. Vom „Un-Ort“ zum „In-Ort“ will Frau Herr deshalb die (Kölner) Innenstadt machen – durch Biertische auf Parkbuchten, breite Pop-up-Radwege überall und urbanistische Ad-hoc-Aktionen, die zu ihrer Imperfektion stehen. Für Immobilien-Investoren ist diese Vorstellung vermutlich ein Alptraum.

Weitere Informationen zur Konferenz unter www.architecturematters.eu

The Masterplan, Reinier de Graaf

The Masterplan, Reinier de Graaf
Reinier de Graaf

328 Seiten
PaperbackEnglish328
ISBN 9789077966914
Archis, 2021
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