Nachverdichtung gewinnt den Deutschen Nachhaltigkeitspreis Architektur

Manuel Pestalozzi
5. Dezember 2022
Aus einem Ensemble von Gerichtsgebäude und Frauengefängnis in Berlin-Charlottenburg wurden ein Hotel mit Restaurant und ein Ausstellungsbereich. (Foto: Robert Rieger)

Gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB) hat die Stiftung Deutscher Nachhaltigkeitspreis 2012 diese „Sonderauszeichnung für zukunftsweisendes Bauen“ ins Leben gerufen. Sie soll herausragende und beispielhafte Leistungen im Bausektor prämieren, die Beiträge zur Transformation zu nachhaltigem Leben und Wirtschaften leisten und darüber hinaus große Innovationskraft sowie eine hohe gestalterische Qualität aufweisen. Der Preis wurde mit Unterstützung durch Caparol, dem Bund Deutscher Architekten, der Bundesarchitektenkammer und der Bundesstiftung Baukultur vergeben.

In diesem Jahr schafften es vier Projekte in die Endrunde, die sich in den Augen der Jury alle durch einen vorbildhaften Umgang mit dem Thema Bestand auszeichnen:

Hotel Wilmina, Berlin
Architektur: Grüntuch Ernst Architekten, Berlin
Bauherrschaft: Wilmina GmbH, Berlin

Landratsamt Starnberg
Architektur: Auer Weber Assoziierte GmbH, Stuttgart
Bauherrschaft: Landkreis Starnberg

Integrierte Gesamtschule, Rinteln/Niedersachsen 
Architektur: bez+kock architekten bda, Stuttgart
Bauherrschaft: Landkreis Schaumburg, Stadthagen

Rathaus Korbach
Architektur: heimspiel architekten, Münster
Bauherrschaft: Kreis- und Hansestadt Korbach

Das Rathaus Korbach gilt als Pionier des Urban Minings, der Erweiterungsbau des Landratsamtes in Starnberg fügt sich nahtlos in die jahrzehntealte Bestandsstruktur ein, die IGS Integrierte Gesamtschule Rinteln beeindruckte mit ihrer Holz-Beton-Hybridbauweise. Das Hotel Wilhelmina konnte sich am Schluss als Siegerin durchsetzen – vielleicht auch, weil hinter ihm eine interessante Geschichte steckt.

Die Preisübergabe fand am 2. Dezember in Düsseldorf im Rahmen des 15. Deutschen Nachhaltigkeitstags statt. V.l.n.r.: Geschäftsführender Vorstand der DGNB Dr. Christine Lemaitre, Gordian Grüntuch, Hotelmanager Wilmina, Almut Grüntuch-Ernst, Geschäftsführerin Grüntuch Ernst Architekten und DGNB Präsident Prof. Amandus Samsøe Sattler. (Foto: DGNB)
Vom Frauengefängnis zum Hotel

Wilmina steht für drei neue Adressen an einem besonderen Ort. In der Kantstraße 79 in Berlin Charlottenburg wurde ein denkmalgeschütztes Ensemble aus ehemaligem Gerichtsgebäude und Frauengefängnis von Grüntuch Ernst Architekten transformiert, erweitert und „neu programmiert“. Es umfasst jetzt den Kunst-, und Kulturraum „Amtsalon“, das Restaurant Lovis und das Hotel Wilmina. Das historische Ensemble, in dem die Räumlichkeiten untergebracht sind, stammt aus dem Jahr 1896, Architekten waren Adolf Bürckner und Eduard Fürstenau, welche zwei freistehende Bauwerke errichteten. Das Gefängnis wurde 1985 geschlossen, nachher diente es als Archiv des Grundbuchamtes.

Die Hofdurchfahrt des Gerichtsgebäudes führt heute in einen renaturierten und entsiegelten Innenhof. Wie ein verwunschener Garten bildet dieser einen Gegensatz zum Repräsentationsbedürfnis des aus dunklem Ziegelstein errichteten Gebäudekomplexes, schreibt die Jury in ihrem Bericht. Bestehende Fassadenberankungen konnten weitestgehend erhalten bleiben. Zusammen mit intensiv und extensiv begrünten Flachdächern sind 30 Prozent der Gebäudehülle begrünt. Der vormalige Schleusenhof beherbergt das Restaurant. Von dort gelangte man früher in die Zellentrakte. Für den Hauptzugang in das Hotel wurde eine Fensteröffnung am Gartenhof zur Tür erweitert. Die Hotelgäste werden dort von einem hellen, hohen Raum empfangen, der sich in eine Kaminlounge und in den Bibliotheksbereich öffnet. Eine Treppe führt in das Atrium, das Herzstück des Gebäudes im ehemaligen Zellentrakt, wo sich heute Hotelzimmer in unterschiedlichen Größen befinden.

Zwischenebenen und Zwischenwände wurden partiell rückgebaut, ein hell geschlämmtes Mauerwerk und die unterseitige Vergrößerung der Fenster schaffen unter Berücksichtigung der Anforderungen des Denkmalschutzes eine behagliche Atmosphäre. Doch überall sind Spuren der Vergangenheit zu erkennen. Ein Treppenhaus und original erhaltene Zellen erinnern an die traurige Geschichte des Hauses. Es konnte ein „Penthouse-Aufbau“ realisiert werden. Er wurde thermisch hoch gedämmt ausgeführt, unter Einsatz von nachhaltigen natürlichen Materialien wie Massivholz und Metall und mit Verzicht auf Verbundbaustoffe.

Das Projekt in Berlin-Charlottenburg rege nicht nur zum Nachdenken über das Wesen von Gemeinschaft, Generationen und städtischen Gegensätzen an, schreibt die Jury des Deutschen Nachhaltigkeitspreises 2022 in ihrer Würdigung, es zeige ganz beiläufig auf, welche ökologischen Möglichkeiten die Neuprogrammierung auch von herausforderndem baulichem Erbe bietet. Obwohl die Hotelgäste hier teilweise hinter Schwedischen Gardinen übernachten, wirkt das Ambiente der Zimmer hell, auf eine freundliche Art sachlich und keineswegs bedrückend. Die Neuprogrammierung ist in ästhetischer Hinsicht geglückt.

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