Nachhaltigkeit als Garten-Kulturtechnik

Manuel Pestalozzi
9. August 2022
Materialsparend überspannen beim Treibhaus der Studierenden unterschiedlichen Konstruktionen das Pflanzland. (Foto: Universität Stuttgart)

Im Modul „Bautechnische Grundlagen“ der Fakultät für Architektur und Stadtplanung an der Universität Stuttgart erhalten die Studierenden in ihren ersten beiden Studiensemestern eine Einführung in die Welt der Bau-Konstruktion. In diesem Kontext vermittelt der 2014 gegründete Lehrstuhl für Nachhaltigkeit, Baukonstruktion und Entwerfen Nachhaltigkeit als Kulturtechnik. Folgend auf eine Analyse der Stadt Stuttgart im ersten Studiensemester, wurde dem aktuellen Jahrgang nun die Kulturtechnik des Handelns und damit der „leiblichen Betroffenheit“ nähergebracht. Die Studierenden entwarfen ein Treibhaus aus Holzleisten und Brettern für die Evangelische Gesellschaft Stuttgart (eva). Diese führt als sozialer Träger das Immanuel-Görzinger-Haus für ehemals suchtkranke Männer und bietet den Bewohnern dort „zur Festigung der Lebenspraxis“ die Mitarbeit in der angeschlossenen Gärtnerei an.

Zur Verfügung standen Holzleisten und Bretter. Die Planung erfolgte gruppenweise, in Abwägung verschiedener historischer Tragstrukturen, die als „Konstruktionspaten“ zur Verfügung standen. Diese bieten bei minimalem Materialverbrauch maximale Spannweiten – so etwa das Hebelstabwerk, das Hängewerk, das Zollinger Dach oder der L’Ormesche Bohlenbinder, eine Brettkonstruktion zur Überwindung großer Spannweiten mittels kurzer, verdübelter Bretter, welche die Holzknappheit im Frankreich des 16. Jahrhunderts reflektiert. Die Dreiergruppen entwickelten 60 Konstruktionsmodelle im Maßstab 1:10. Innerhalb eines abwägenden Prozesses mit Studierenden und Lehrenden wurden aus diesen Konstruktionsmodellen wiederum 22 Modelle für die Realisierung im Maßstab 1:1 evaluiert.

Die Gewölbesegmente hatten vor dem Transport auf den Bauplatz Belastungstests, unter anderem durch Sandsäcke, zu überstehen. (Foto: Universität Stuttgart)
U-Bahn als Transportmittel

Für die Umsetzung des Treibhauses bildeten sich Teams von jeweils sieben Studierenden. Aus Dachlatten und einfachen Brettern mit einer Maximallänge von 1,25 Metern zimmerten sie die unterschiedlichen Abschnitte des Traggerüsts. Dabei war eine komplett elementierte Vorfertigung zu beachten. Die Abmessungen mussten tauglich sein für den Transport zum Baufeld per U-Bahn. Nach einem Probeaufbau auf dem Gelände der Universität wurden die Konstruktionen mittels „Modellstatik“ untersucht. Zum Nachweis der Gebrauchstauglichkeit der Tragwerke wurden Horizontal- und Vertikallasten eingeleitet, die Tragfähigkeit überprüft und die jeweiligen Verformungen vermessen und kartiert.

Nach dem U-Bahn-Transport wurden die Gewölbe wieder zusammengefügt und auf zwei Längsschwellen abgestellt. (Foto: Universität Stuttgart)

Nach den statischen Tests zerlegten die Studieren die Tragwerke wieder in ihre Elemente und transportierten sie wie vorgesehen mittels U7 zur Gärtnerei in Stuttgart Rot, im Norden der Stadt. Vor Ort erfolgte dank weniger Verbindungen ein schneller Wiederaufbau; die Rahmenkonstruktionen wurden auf zwei Längsschwellen aus Douglasie gesetzt und mit den Nachbarrahmen zu einem insgesamt 25 Meter langen Tunnel montiert. Im Anschluss wurde die Konstruktion mit einer stofflichen Haut versehen und in einem kleinen Festakt den Nutzern übergeben.

Eine „stoffliche Haut“ vereint die verschiedenen Tragstrukturen zu einem Treibhaus. (Foto: Universität Stuttgart)

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