Kreislauffähige Pionierkommune Heidelberg

Manuel Pestalozzi
28. Juni 2022
Heidelberg soll fortan auch als Materiallager erkannt und erfasst werden. (Foto: © Klaus Venus)

„Circular City – Gebäude-Materialkataster für die Stadt Heidelberg“ nennt sich das Pilotprojekt, das eben angelaufen ist. Mit der ortsansässigen HeidelbergCement AG unterstützt eines der weltweit größten Baustoffunternehmen das Vorhaben. Begleitet wird die Stadt außerdem durch die Material-Plattform Madaster, die Konzeption liegt beim Umweltberatungsinstitut EPEA, einer Tochter des Beratungsunternehmens Drees & Sommer SE. Grundlage für das Kataster bildet der von EPEA entwickelte Urban Mining Screener. Das so benannte Programm könne anhand von Gebäudedaten wie beispielsweise Bauort, Baujahr, Gebäudevolumen oder Gebäudetyp deren materielle Zusammensetzung auf Knopfdruck einschätzen, berichten die Beteiligten.

Die ersten Gebäude hat das Programm bereits erfasst: Das Patrick-Henry-Village, eine ehemalige Wohnsiedlung für Angehörige der US-Armee, ist mit rund 100 Hektar die größte Konversionsfläche Heidelbergs. Langfristig sollen hier Wohnungen für 10'000 Menschen und Raum für rund 5'000 Arbeitsplätze entstehen. Noch stehen aber 325 Gebäude auf dem Gelände, die für die neue Siedlung saniert oder abgerissen werden müssen – ein gigantisches Rohstofflager, wie der Urban Mining Screener berechnet hat. Das Patrick-Henry-Village beinhaltet demnach rund 465'884 Tonnen Material, davon entfällt etwa die Hälfte auf Beton, ein Fünftel auf Mauersteine und gut 5 Prozent auf Metalle. Im nächsten Schritt soll das Kataster auf den gesamten Gebäudebestand Heidelbergs ausgeweitet werden.

Hohes Potenzial für Beton-Recycling

Zu den potenziell wiederverwendbaren Materialien zählt neben Stahl oder Kunststoff auch Beton. Die Herstellung von Zement ist prozessbedingt mit hohen CO2-Emissionen verbunden, die bislang technologisch unvermeidbar sind. Um den CO2-Fußabruck zu verringern, hat HeidelbergCement ein Verfahren entwickelt, um den Lebenszyklus aller Bestandteile von Beton zu verlängern. „Beton ist viel zu wertvoll, um ihn bei Umbau oder Abrissarbeiten auf der Deponie oder im Straßenunterbau zu entsorgen“, sagt Thomas Wittmann, Geschäftsführer der HeidelbergCement-Tochter Heidelberger Sand und Kies. „Stattdessen wollen wir Abrissbeton durch neuartige Verfahren zerkleinern, sortenrein in seine Bestandteile trennen und wieder ganz im Sinne der Kreislaufwirtschaft in den Baukreislauf zurückführen.“

Darüber hinaus arbeitet HeidelbergCement an einem Verfahren, die anfallenden Feinanteile zu nutzen, um CO2 zu binden und damit den Ausstoß bei der Zementherstellung zu reduzieren. Für dieses Projekt ReConcrete-360° hat HeidelbergCement kürzlich den Innovationspreis für Klima und Umwelt 2022 erhalten. Die Stadt Heidelberg mit ihrer Vorreiterrolle im Bereich Klimaschutz biete für eine Kooperation optimale Voraussetzungen – auch dank der großen Konversionsflächen und dem kreativen Umgang mit städtebaulichen Herausforderungen.

Kritischer Ansatz ist notwendig

Dass das Heidelberger Vorgehen Schule machen wird, davon ist Bürgermeister Jürgen Odszuck überzeugt: „Die Methoden und Konzepte, die die Stadt systematisch in die Praxis umsetzt, könnten schon bald anderen Städten in Deutschland und Europa als Blaupause für klimafreundliches Bauen dienen.“ Wichtig ist es, dass man nun mit nüchternem Augenmaß Erfahrungen im „Urban Mining“ sammelt und offen und fair ermittelt, welchen zeitlichen und kostenmäßigen Aufwand das neue, grundsätzlich lobenswerte Verfahren generiert und wie dadurch entstehende mögliche zusätzliche Lasten in der Gesellschaft verteilt werden. Denn einfacher wird das Bauen dadurch bestimmt nicht. Urban Mining ist trotz digitaler Werkzeuge beschwerliche Kleinarbeit, die keine Spitzenlöhne generiert. Das sollte bei aller Euphorie nicht vergessen werden und auch in der Erarbeitung neuer architektonischer Konzepte Berücksichtigung finden.

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