Das Silo auf dem Campus

Manuel Pestalozzi
25. Juli 2022
Die Silhouette der Mühlenanlage bleibt dem Hafen mit der Umnutzung erhalten. (Foto: © ingenhoven associates / HGEsch)

Im von 1890–1896 entstandenen Düsseldorfer Hafen siedelte sich 1906 die Weizenmühle Georg Plange an. Den Entwurf für die verschiedenen Bauten der Mühle lieferten damals die Hamburger Architekten Raabe und Wöhleke. In den 1990er-Jahren wurde der Standort als Mehlmühle aufgegeben. Nach einigen Jahren des Leerstands begann im Rahmen der Neustrukturierung des Medienhafens der Umbau des denkmalgeschützten Ensembles durch Ingenhoven Overdiek und Partner, heute ingenhoven associates. Angestrebt wird nun die Schaffung des „Plange Mühle Campus“. Dieser soll zur Heimat werden für Unternehmen aus Mode-, Medizin-, Architektur- und Beratungsbranche. Geplant sind unter anderem vielfältige Gastronomie- und Veranstaltungsflächen. Kern des Campus bleibt die markante Industriearchitektur von 1906, repräsentiert durch die Backsteingebäude der ehemaligen Weizenmühle.

Über eine Brücke ist das Betonsilo nach wie vor mit dem benachbarten Holzsilo verbunden das jetzt Lofts beherbergt. (Foto: © ingenhoven associates / HGEsch)

Die im Jahr 1929 errichtete Siloanlage besteht aus zehn fast 30 Meter hohen, paarweise angeordneten Röhren aus Stahlbeton. Sie wurden in der für solche Bauhöhen damals noch ungewöhnlichen Freischalung ausgeführt. Um Räume für Menschen zu schaffen, wurden die Röhren in Abstimmung mit dem Denkmalschutz längsseitig aufgeschnitten, durch Teilabbruch der inneren Silowände neue Geschossdecken eingezogen sowie in neun Röhren Fenster integriert. Die auf der Campusseite liegende, unmittelbar an das historische Holzsilo angrenzende Röhre wurde im originalen, geschlossenen Zustand erhalten. Sie umschließt das Haupttreppenhaus samt den zwei Personenaufzügen sowie einem Bettenaufzug. In alle anderen Siloröhren fällt heute in jede der sieben Etagen durch je zwei neue Aluminiumfenster Tageslicht. Der Bettenaufzug deutet auf eine der Nutzungen hin: Heute wird die Siloanlage unter anderem von einer radiologischen Praxis, entworfen von two_space + product, Ratingen, und einer orthopädischen Klinik mit Empfangsräumen, Operations- und Bettenetage genutzt. Weitere medizinische Nutzungen werden folgen. Darüber hinaus findet man in den Röhren zeitgemäße Büroräume mit grandiosem Ausblick.

Im Korridor der neuen Radiologie Düsseldorf des Innenarchitekturbüros two_space + product treten die Rundungen der Silos deutlich in Erscheinung. (Foto: © ingenhoven associates / HGEsch)

Der Baufortschritt und die Detaillierungen waren bei diesem Vorhaben unüblich. Da großflächige temporäre Öffnungen der Fassade aus denkmalpflegerischer Sicht nicht möglich waren, wurde das Haus „von innen und oben“ gebaut: Das Öffnen der Decke des Silos erlaubte die Einführung der gesamten Baustellenlogistik. Statt eines herkömmlichem Wärmedämmverbundsystems wurde während der Sanierung eine 15 Zentimeter starke Putzschicht auf die Fassade aufgebracht, die den authentischen Ausdruck des gesamten Ensembles unterstreicht. Die Geschichte des Hafens, wo einst das das bekannte Diamant-Mehl gemahlen wurde, bleibt lebendig.

Einheitlich dimensionierte Aluminiumfenster tragen dem nüchternen Industriecharakter der Siloanlage Rechnung. (Foto: © ingenhoven associates / HGEsch)

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