Vom Stern zum Kristall

Ulf Meyer
14. April 2021
Die Glassegmente der Bürohausfassade sind bis zu sechs Meter breit (Foto: HG Esch)

Wie man einen 1980er-Jahre-Campus für neue Nutzer und Generationen umgestalten kann, haben BM+P Architekten aus Düsseldorf in einem der Bürohäuser exemplarisch vorgemacht. Das auffälligste Zeichen der Veränderung ist jedoch die kristalline Glasfassade am Fuß des Zentralgebäudes des Campus aus 156 dreieckigen Isoliergläsern.

Als Deutschlands Vorzeige-Konzern Daimler/Mercedes Benz in den 1990er-Jahren zum umfassenden Technologie-Konzern umgebaut werden sollte, war der Neubau des Firmenhauptsitzes auf den Krautfeldern in der südlichen Stuttgarter Peripherie ein nicht nur symbolischer Abschied von der Nähe zum Automobil und seiner Produktion. 

Als dann nach der Ära des Firmenlenkers Edzard Reuter Jürgen Schrempp das Ruder in dem Konzern übernahm, geriet der riesige „Corporate Campus“, entworfen vom Düsseldorfer Büro (das damals unter BHLM firmierte), in Misskredit und wird nun sukzessive „leergezogen“. Der Konzern hat sich nach Ausflügen in die Luft- und Raumfahrt und Elektrotechnik wieder auf seine Kern-Kompetenz besonnen und seinen Hauptsitz erneut am Stammsitz des Unternehmens in Untertürkheim genommen. Nach dem Ende des „Integrierten Technologiekonzerns“ wurden Personenwagen- und Nutzfahrzeuggeschäft 1997 voneinander getrennt und in verschiedene Geschäftsbereiche aufgeteilt. 2006 kündigte Konzernchef Zetsche den Umzug des Vorstands und von Teilen der Verwaltung in das Motorenwerk Untertürkheim an, von wo aus das Vorgänger-Unternehmen Daimler-Benz bis 1990 geleitet worden war. Das Unternehmen verkaufte seine Konzernzentrale in Möhringen.

„Skyline“ der Filder am Flughafen Stuttgart (Foto: HG Esch)
Foto: HG Esch

Dem Büro BM+P Architekten wurde nun die Aufgabe gegeben, den gut 30 Jahre alten 1980er-Jahre-Campus für neue Nutzer und Generationen umzugestalten. In einem der Bürohäuser haben sie exemplarisch vorgemacht, wie es funktionieren kann – ohne allerdings die Natursteinfassaden anzutasten. Sie haben die abgehängten Decken entfernt und Kühl- und Heizsegel eingefügt; auch die Haustechnik ist auf ein zweites Leben mit vielen Nutzern vorbereitet.
Sichtbarstes Zeichen der Veränderungen ist jedoch die neue elegante Glasfassade am Fuß des Zentralgebäudes des Campus. Die gläserne Lobbyfassade ist elf Meter hoch und reicht über das Erdgeschoss und den ersten Stock. Sie besteht aus 156 dreieckigen Isoliergläsern. Stege aus schwarz-blauen T-Profilen nehmen die nach innen und außen geneigten Gläser auf. Für jedes der Gläser mit unterschiedlicher Kantenabstufung wurde eine individuelle Halterung gefertigt, außen sind nur schmale Silikonfugen sichtbar.

Foto: HG Esch
Foto: HG Esch

Für den Campus ist der Kristall ein Signal für einen Aufbruch in ein zweites Leben. Denn das Büro-Areal auf der „Sternhäule“ (heute Sternhöhe genannt) hat durchaus Qualitäten: Der Begriff „Stern“ im Ortsnamen ist zwar Zufall, passt aber gut. Die Zentrale für den Konzern mit dem Stern, in der einst mehrere tausend Büroarbeitsplätze untergebracht waren, ist ein Kind der Postmoderne: Statt alle Arbeitsplätze in einem einzigen Gebäude und Großräumen vorzusehen, haben die Architekten eine „kleine Stadt“ mit getrennten Gebäuden, Naturräumen dazwischen und einem markanten Zentrum gebaut, dem 60 m hohen Punkthaus mit Stern auf dem Dach.

Der Eingangshof, den Max Bill mit einem den ganzen Platz einbeziehendes Pfeilmotiv künstlerisch gestaltete, hat jetzt einen ästhetischen Anziehungspunkt bekommen. In den neuen Räumen im Fuße des Punkthauses, in dem einst die Konzernführung ihren Sitz hatte, befinden sich heute Lounges und Besprechungsräume.

Das von den Gläsern reflektierte Lichtspiel animiert den von Max Bill gestalteten Vorplatz (Foto: HG Esch)
Foto: HG Esch

Das Thema „Graue Energie“ wird in der Zukunft viele Gebäude aus dieser Zeit betreffen, die aus ökologischen und ökonomischen Gründen nicht mehr einfach so abgerissen werden können. Sollte es Deutschlands Prestige-Konzern mit der Nachhaltigkeit ernst sein, würde er sich auch seiner baukulturellen Verantwortung stellen und sich für ein neues Leben in seiner „Stadt“ engagieren. Die drei- bis sechsgeschossigen Häuser mit Gründächern, die sich kreuz- oder U-förmig um das Zentrum gruppieren, bilden überschaubare Einheiten, mit einer Obergrenze von 400 Arbeitsplätzen pro Haus, für die sich eine neue Nutzung finden lassen müsste. 

Die glas-überdachten, offenen Treppenhäuser wirken bis heute großzügig, die Lichtkuppeln, Granitfassaden und weißen Gitter vor den Fenstertüren sind bald wieder „hip“, wenn man die Qualitäten der 1980er-Jahre-Bauten als „vintage style“ neu entdeckt. Die Büroräume mit je nur zwei Arbeitsplätzen sollten damals „beinahe Wohnatmosphäre“ verströmen. Wenn der Autoverkehr ausgesperrt bleibt, könnte die Sternhöhe zu einem modernen Campus werden für eine Post-Privat-Auto-Gesellschaft.

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