Umwidmung im Ort

Architekturbüro Manderscheid
28. Juli 2021
Die umgebaute Zehntscheune im Hof (Foto: Johannes-Maria Schlorke)

Manderscheid Architekten haben die Zehntscheune in Tübingen-Derendingen zu einem Wohn- und Bürogebäude umgebaut. Christoph Manderscheid erläutert anhand neun Fotos und vier Plänen das Projekt.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Eine 500 Jahre alte Scheune ist ein einfaches Lagergebäude ohne Raumeinteilung, ohne Fenster und ohne technische Ausstattung. Für die Umnutzung in Wohn- und Büroräume waren gravierende Eingriffe erforderlich (Abtrennung der Einheiten und Räume, Belichtung, thermische und schalltechnische Ertüchtigung, Einbau Gebäudetechnik…). Gleichzeitig soll die Scheune noch weiter ihre Geschichte erzählen dürfen und die Atmosphäre der neuen Räume prägen.

Foto: Johannes-Maria Schlorke
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Ein solcher Umbau erfordert großen Respekt vor dem Bestand: Mit dem Erhalt des Sichtfachwerk mit den großen Toren ist die in einem offenen Hof gelegene Scheune auch nach dem Umbau im Ortsbild als Zehntscheune erkennbar. 

Die flächenbündigen Dachfensterbänder erhalten die eindrucksvolle Dachfläche. Gauben wurden bewusst nicht gewählt, da das Dach nachweislich nie damit bestück war. Die 4,50 m hohen Wohnräume hinter den verglasten Toren und der offene Büroraum lassen die historische Nutzung als Tenne und als Lagerfläche erlebbar. Die Aufsparrendämmung zeigt den eindrucksvollen Dachstuhl aus Eiche inklusive der vor den Dachfensterbändern durchlaufenden Sparren. 

Auch der gemeinsam von den Anrainern genutzte Hof ist, in Erinnerung an die ursprüngliche Wirtschaftsfläche, nur geschottert. Die Terrassenflächen vor den Scheunentoren sind aus Sandsteinplatten, die aus den Tennen geborgen wurden, gelegt. 

Foto: Johannes-Maria Schlorke
Foto: Johannes-Maria Schlorke
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?

Die Mitglieder der Baugemeinschaft haben, auf Basis des Konzeptes eines behutsamen Umbaus, die Entwürfe diskutiert und im Dialog weiterentwickelt. Es war klar, dass die Außenerscheinung einheitlich sein soll. Die erforderlichen Entscheidungen wurden gemeinsam, anhand von Plänen und mit Farb- und Putzmustern vor Ort, getroffen. Innerhalb der verschiedenen Einheiten prägen hingegen unterschiedliche Details, Farben und Materialien die jeweilige Atmosphäre. 

Engagierte Eigenleistung ermöglichte auch besondere Lösungen: Meine Frau entwickelte für die privaten Bäder eine Gestaltung mit farbig glasierten Fliesen, zu der sie sich von den Fliesen des Ceramic-House in Jinhua anregen lies. Sie hat die Tonplatten aus französischer Sonderanfertigung selber glasiert und schlussendlich auch vor Ort verlegt, damit das exakt abgestimmte Farbmuster auch genau umgesetzt ist.

Foto: Johannes-Maria Schlorke
Foto: Johannes-Maria Schlorke
Foto: Johannes-Maria Schlorke
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?

In den ersten Skizzen und Abstimmungen gibt es natürlich ein Suchen und Probieren unterschiedlicher Konzepte. Nachdem sich das Grundkonzept der mittigen Teilung und der Anordnung der Einheiten herausgeschält hatte und von den Bauherren und der Denkmalpflege bestätigt war, ging es in den weiteren Schritten um eine kontinuierliche Vertiefung der Planung.

Foto: Johannes-Maria Schlorke
Foto: Johannes-Maria Schlorke
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?

Der Respekt vor dem Altbau beeinflusst natürlich sehr stark die Wahl der Materialien. Neben vielen bauphysikalischen Vorteilen, die angepasste Materialien wie Kalk, Ölfarbe, unbehandeltes Holz usw. haben, strahlen sie in ihrer Offenporigkeit und Lebendigkeit eine eigene Schönheit aus. Diese Qualität suche ich auch bei den Materialien für die neuen Bauteile, wie geglätteter Beton und Estrich, verzinkter Stahl und Aluminium.

Sehr bewusst setzte ich als Akzent dann Farbe in ihrer räumlichen Wirkung dazu. Die Trennwand zwischen Wohnraum und Schlafzimmern ist mit einem Grau aus Naturpigmenten räumlich zurückgenommen während verschiedene lackierte Stahlteile mit kräftigeren Farben die Räume akzentuieren. 

Grundriss Erdgeschoss mit Umgebung (Plan: Architekturbüro Manderscheid)
Grundriss Empore (Plan: Architekturbüro Manderscheid)
Längsschnitt (Plan: Architekturbüro Manderscheid)
Querschnitt (Plan: Architekturbüro Manderscheid)
Zehntscheuer Tübingen-Derendingen
2020
Sieben-Höfe-Straße 147
72072 Tübingen

Nutzung
Wohnungen, Büro

Auftragsart
direkt
 
Bauherrschaft
Baugemeinschaft Scheune: Familie Neff, Familie Heiß, Katja Manderscheid
 
Architektur
Architekturbüro Manderscheid, Tübingen
Christoph Manderscheid Freier Architekt BDA 
 
Fachplaner
Tragwerksplanung: Felix Mildner, Tübingen 
Energieberatung: Friedrich Rau, Albstadt 
Beratung Abdichtung Ulrike Henes-Kleiber
 
Bauleitung
mit Verena Klar, Freie Architektin, Mähringen
 
Ausführende Firmen
Zimmerei + Dachdecker: Nathanael Tjhen, Rottenburg
Rohbau: Bava Bau GmbH, Rottenburg
Gerüst: W.Arnold, Korntal-Münchingen
Fangnetze: Auffangnetze Grosso, Mägerkingen
Holzfenster: Fa. Gutekunst, Reutlingen 
Stuckateur: Andreas Eith, Geislingen
Elektro: Fa. Wagner, Veringenstadt 
HLS: Fa. Hörmann GmbH
Stahlbau: Fa. Schramm, Tübingen
Schlosser: Fa. Holder GmbH, Reutlingen
Estrich: Fa. RN Estrich GmbH, Lichtenstein
Flüssigkunststoffabdichtungen: Fa. Peetz GmbH, Tübingen
Parkett: Fa. Bembé, Reutlingen
Fliesenleger: Fa. Necker, Tübingen
Schreiner (Türen, Einbauschränke, Treppe): Fa. Hugo Kessler, Hirrlingen
Schreiner (Treppe, Regal, Schrank, Küche): Fa. Werner Weber, Reutlingen
Duschtrennwände: Fa. Holpp, Schömberg
Schließanlage: Haus für Sicherheit, Reutlingen 
Freianlagen: Fa. Haar, Tübingen 
 
Hersteller
Dachziegel: Fa. Erlus
Putz, Dämmputz: Fa. Hessler Kalkwerke GmbH
Fugmörtel Sockelmauerwerk: Fa. Tubag
Lichtschalter, Steckdosen: Fa. Gira
Beschläge: Fa. Deni / Fa. Randi
Trockenbau: Fa. Fermacell, Fa. Knauf
Zellulosedämmung: Steico
Holzfaserdämmung: Steico 
Farben: KT.Color
Sumpfkalk: Fa. Haga
Standölfarben Fenster: Fa. Kreidezeit
Brandschutzanstrich: Fa. Hensel
Fliesen: Winckelmans, Cinca, Eigenproduktion 
Schließanlage: Fa. Kaba
Parkett: Fa. Bembé 
Öl für Sichtestrich: Complex-Farben
 
Energiestandard
KFW-Denkmal
 
Bruttogeschossfläche
ca. 860 m²
 
Gebäudevolumen
ca. 1870 m³

Gesamtkosten
k.A.

Fotos
Johannes-Maria Schlorke 

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