Straße wird Stadtplatz

bgmr Landschaftsarchitekten
9. Juni 2021
Wasserplatz (Foto: kebony / René Sievert)

bgmr Landschaftsarchitekten haben mit der Neugestaltung der Kieler Holstenbrücke einen Wasser-Erlebnisraum in der Stadt geschaffen. Dirk Christiansen und Martin Stokman berichten vom Projekt.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Mit dem Umbau der Holstenbrücke verfolgte die Stadt Kiel das Ziel, eine vormals hochfrequentierte innerstädtische Durchgangsstraße zu einer Platzfläche mit hoher Aufenthaltsqualität umzugestalten. Ziel des Projekts war es, in enger Bindung zur bestehenden Fußgängerzone, einen entspannten, modernen Stadtplatz zu gestalten, der, neben unterschiedlichen Einkaufs- und Serviceangeboten, viel Raum für Kontemplation und Erlebnisangebote lässt. Es galt eine Barriere im Herzen der Stadt zum urbanen Freiraumgelenk umzugestalten, ohne die Erreichbarkeit der Innenstadt für den öffentlichen Personennahverkehr einzuschränken. Wir haben einen schwellenlosen Stadtplatz gestaltet, der Raum für unterschiedliche Nutzungen lässt.

Sitzstufen und Arkade am Ahlmannhaus (Foto: kebony / René Sievert)
Brückenverbindung zwischen Alt- und Vorstadtufer (Foto: kebony / René Sievert)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?

Die Innenstadt Kiels wird weitgehend durch Hafeninfrastrukturen von der unmittelbar angrenzenden Förde abgeschnitten. Da auf absehbare Zeit keine Änderung dieser Situation abzusehen ist, entstand die Idee, das Wasser zu den Nutzer*innen in die Innenstadt zu bringen. Die Aktivierung der ehemaligen Stadtstraße als neuer wassergeprägter Freiraum war eine besondere Herausforderung. Es galt einen vielfältigen, urbanen Ort in der Stadt zu schaffen. Das Wasser sollte nicht nur sichtbar, sondern auch unmittelbarer erfahrbar sein. Die Aufenthaltsflächen wurden daher möglichst dicht an die Wasseroberfläche herangeführt. Es galt verkehrssichere, aber möglichst niederschwellige Schnittstellen auszubilden und Erlebnisangebot wie zum Beispiel Wasserspiele einzuordnen. Dadurch wurden sehr unterschiedliche Wassererlebnisse möglich, vom visuellen Kontakt mit Aufenthaltsangeboten kurz über der Wasserlinie bis hin zur direkten Begehung von Randbereichen mit geringer Wassertiefe. Der Platz wird heute als Ereignisort wahrgenommen und ist als Platz für alle erlebbar.

Inseln im Wasserplatz (Foto: kebony / René Sievert)
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Durch Herstellung der beiden raumgreifenden Wasseranlagen wurde ein historisches Motiv wiederbelebt. Ursprünglich war die Kieler Altstadt dreiseitig vom Wasser umgeben. Im Laufe der Stadtentwicklung wurde aus der ursprünglich natürlichen Wasserverbindung zur Förde ein Kanal, der dann um 1900 zugeschüttet wurde. Die heute als ‚Kleiner Kiel‘ bezeichneten Binnenseen nord-westlich der Altstadt sind Relikte dieser Entwicklung. Durch unser Projekt wurden die beiden Binnenseen wieder mit dem sogenannten Bootshafen zu einer öffentlichen Wasser-Platz-Folge verbunden. Perspektivisch ist eine Weiterentwicklung bis an die Förde, deren Westufer zurzeit noch durch Hafenlogistikflächen besetzt ist, denkbar. Da das Projekt die Schnittstelle zwischen historischer Altstadt und Neustadt besetzt und zudem durch die zentrale Fußgängerzone Kiels gekreuzt wird, stand es in allen Phasen der Planung im Fokus der Öffentlichkeit. Der Entwicklungsbereich wurde als konstitutive Setzung im Stadtgrundriss in zentraler Innenstadtlage in besonderem Maße in der Stadt diskutiert. 

Wasserplatz, birdeye (Foto: Thomas Rosenthal)
Gesamtprojekt zwischen Kleinem Kiel (links) und Bootshafen (rechts) birdeye (Foto: Thomas Rosenthal)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerIinnen den Entwurf beeinflusst?

Die Stadt setzte bereits mit der Auslobung des Wettbewerbs und einer vorlaufenden Studie einen Entwicklungskorridor. Nach dem Gewinn des beschränkten internationalen Wettbewerbs im Herbst 2012 folgte eine intensive Planungsphase, in die unterschiedliche Dienststellen der Verwaltung eingebunden waren. Parallel entstand eine Kontroverse über die Sinnhaftigkeit der Maßnahme, die zunächst auf politischer Ebene ausgetragen wurde, aber dann auch bis in die Stadtgesellschaft hineinwirkte. Die Planung wurde unterbrochen, um das Projekt für die Öffentlichkeit transparenter zu machen und besser zu erklären. Im Rahmen eines intensiven Öffentlichkeitsbeteiligungsprozesses wurden viele Hinweise und Anregungen aufgenommen. Im Wesentlichen ging es um eine stärkere Durchgrünung, die Verbesserung der Erlebbarkeit des Wassers und um den Wunsch nach materieller Vielfalt. Aus Sicht der Kieler*innen sollte im Herzen der Stadt ein ‚Wohlfühlraum’ und kein monotoner Stadtplatz entstehen. Für das Projekt bot das die Chance den Grünflächenanteil zu erhöhen, für Innenstadtlagen eher ungewöhnliche Materialien (wie zum Beispiel Holz) einzusetzen, sowie unterhaltungsintensivere Nutzungsangebote (zum BeispielWasserspiele) zu etablieren. Diese Entwicklung hat das Projekt sehr bereichert.

Kanal-Nordbecken mit Außengastronomie und Aufenthaltsangeboten am Wasser (Foto: Thomas Rosenthal)
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zur vollendeten Gesamtmaßnahme verändert?

Unser Wettbewerbsbeitrag zeichnete sich durch das Alleinstellungsmerkmal aus, die Wasserflächen durch den Bau von zwei auf Bohrpfählen gelagerten Wasserbecken bis auf die Nutzerebene anzuheben, um so einen leichten, barrierefreien Zugang zu gewährleisten. Dieses Konzept wurde im Laufe des Planungsprozesses überprüft und umgesetzt. Zusätzlich konnten im Planungsverlauf zwei Fußgängerbrücken eingeordnet werden um Verbindungsfunktionen zu stärken. Im Bereich des Wasserplatzes erfolgte die einseitige Anhebung der Beckensohle, um einen informellen Zugang und die Einordnung von begehbaren Inseln zu ermöglichen. An heißen Sommertagen kann man sich hier jetzt die Waden kühlen. Aufgrund zu sichernder, unerwartet im Untergrund vorhandener Fundamentreste, wurde eine zusätzliche Treppenanlage mit Sitzpodesten in das Ostufer eingebunden. Dieser Ort bereichert das Altstadtufer heute sehr. Die bereits im Wettbewerb geplante nördliche Anbindung an die bestehenden Binnenseen wurde planerisch überarbeitet, allerdings zunächst aus Kostengründen zurückgestellt. Wir hoffen, dass diese wichtige Schnittstelle zeitnah ebenfalls realisiert werden kann.

Kehdenbrücke und Nordbecken (Foto: Thomas Rosenthal)
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?

Das Projekt versteht sich als Beitrag zum klimagerechten und wassersensiblen Umbau von Innenstädten. So übernimmt ein zwei Meter breites Schilfband die Funktion der Gewässerreinigung und dient gleichermaßen durch Verdunstung in Hitzeperioden als Kühlungsbeet. Mit der Wasserreinigung über bepflanzte Bodenfilter wird außerdem die Gewässergüte gesichert. Zudem ist es gelungen, den lang gestreckten Platz trotz intensiver ÖPNV-Nutzung auf ganzer Länge schwellenlos auszubilden. Der Platz ist in alle Richtungen frei überquerbar und wurde so zu einem der aktuellsten Modellprojekte der ‚geteilten Nutzung‘ (‚shared space‘) von Verkehrsflächen im Innenstadtbereich. Fußgängerbrücken sichern die barrierefreie, unkomplizierte Querung der Wasseranlagen. Aufgrund des stark setzungsempfindlichen Untergrunds wurden die Wasseranlagen als Trogbauwerke auf circa 300 Bohrpfählen gegründet. Durch die Vorbelastung des Untergrunds mit Vorgängerbauwerken, wie Fundamentresten und alten Spundwandkonstruktionen, die nicht komplett geräumt werden konnten, entwickelten unsere Tragwerksplaner ein anpassungsfähiges, flexibles Bohrpfahlraster. 

Blick Richtung Förde über Süd- und Holstenbrücke (Foto: Thomas Rosenthal)
Wasserplatz, nightview ’place to be’ (Foto: Thomas Rosenthal)
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?

Am unbefahrenen Altstadtufer schaffen mit spezialimprägnierten Hölzern gedeckte Boardwalks, Sitzelemente und begehbare Inseln eine besondere Atmosphäre. Die Flächen werden von Einfassungselementen und Abdeckungen aus Betonfertigteilen eingespannt. Die schuppige, stark aufgeraute Verklinkerung der westlichen Kanalseite referenziert auf die historische Kanalsituation.

Sie verändert sich mit wechselndem Lichteinfall. Um die Fahrbahnflächen weiterhin deutlich als Teil des Platzes erkennbar zu machen, entschieden wir uns für eine flächenübergreifende Gestaltung aus unregelmäßigen, quer zur Fahrbahn, in drei Grautönen voneinander abgesetzten Belagsstreifen. In den bituminös gebundenen Fahrbahnflächen wurde dieser Gestaltungsansatz durch eine Beschichtung aus farbangepassten, epoxidharzgebunden Feinsplitten übernommen. Die heutigen Verkehrsflächen werden als eine große Platzfläche verstanden, die durch zurückhaltende Markierungen den verschiedenen Verkehrsteilnehmern Orientierung geben.

Derzeit noch etwas unscheinbar, werden langfristig die neuen Baumpflanzung am Altstadtufer und am gegenüberliegenden Westufer den Charakter der Schnittstelle zwischen Alt- und Vorstadt prägen. Um hier eine nachhaltige Entwicklung zu sichern, wurden zur Vergrößerung des Wurzelraums überbaubare Spezialsubstrate und Wurzelgräben zwischen den Baumstandorten vorgesehen.

Konzept (Piktogramm: bgmr Landschaftsarchitekten)
Lageplan (Zeichnung: bgmr Landschaftsarchitekten)
Querschnitt Becken Nord (Zeichnung: bgmr Landschaftsarchitekten)
Querschnitt Wasserplatz (Zeichnung: bgmr Landschaftsarchitekten)
Kleiner Kiel-Kanal / Holstenfleet Kiel
2020
Holstenbrücke Kiel
24103 Kiel

Nutzung
Öffentlicher Raum / Platzanlage

Auftragsart
Öffentlicher Auftrag, nach Leistungsbereichen, HOAI 2013

Bauherrschaft
Landeshauptstadt Kiel, Tiefbauamt
 
Landschaftsarchitekten
bgmr Landschaftsarchitekten GmbH, Berlin

Fachplaner
Ingenieurbau: Ingenieurbüro Obermeyer, Potsdam
Verkehrsplanung: Masuch & Olbrisch, Oststeinbek
Tragwerksplanung: ifb frohloff staffa kühl ecker, Berlin
Brückenplanung: Sauerzapfe Architekten, Berlin

Gesamtkosten
18.500.000 €

Auszeichnung
Realisierungswettbewerb 2012, 1.Preis 
bgmr Landschaftsarchitekten in Kooperation mit Ingenieurbüro Obermeyer

Fotos
© kebony, Fotograf René Sievert 
© Thomas Rosenthal

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