Same but different

4a Architekten
2. Juni 2021
Atmosphärische Abendstimmung im Bad Berg (Foto: Uwe Ditz)

Kürzlich haben 4a Architekten das Stuttgarter Mineralbad Berg umfassend saniert und erweitert. Matthias Burkart beantwortet unsere Fragen zum Projekt.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Das Stuttgarter Mineralbad Berg ist legendär – es ist das älteste Bad Stuttgarts mit einer über 160-jährigen Geschichte. Es liegt mitten in der Stadt, eingebettet in eine schöne Parkanlage mit altem Baumbestand. Für uns lag die spezielle Herausforderung darin, den besonderen Charakter des Bades zu wahren und die Neugestaltung in Anlehnung an die 1950er-Jahre zeitgemäß umzusetzen – und das, obwohl das Bestandsgebäude bis auf den Rohbau zurückgeführt werden musste. Das Bad Berg steht nicht unter Denkmalschutz und es war unsere Aufgabe, die richtige Balance zwischen Erhalt, Erneuerung und Ergänzung zu finden.

Die neue Eingangsfront mit hoher Transparenz, blau schimmernder Mosaikfassade und freigelegtem Kolonnadengang verleiht dem Bad eine neue Identität im Stadtraum. (Foto: Uwe Ditz)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?

Wir kannten nicht nur die spezielle Atmosphäre des alten Bad Berg sondern auch seine Schwachstellen. Unser Anspruch war es, die charakteristischen Merkmale und Besonderheiten des Bestandsgebäudes zu wahren und zugleich das Gebäude baulich und technisch auf den aktuellen Stand zu bringen. Wir haben großes Augenmerk darauf gelegt, den Bestand weitestgehend zu erhalten und zu erneuern und an einigen Stellen sinnvoll zu ergänzen. Das seeartige Außenbecken und die weitläufige Parkanlage mit altem Baumbestand, die für die atmosphärische Gesamtwirkung des Mineralbades ganz elementar sind, sehen nahezu aus wie vorher. Uns war es wichtig, das Gebäude mehr zu öffnen, mehr Licht ins Bad zu bringen und die Aufenthaltsqualität und den Komfort zu steigern. Nähert man sich dem Bad, geben großflächige Verglasungen den Blick auf das Außenbecken und den Garten frei. Die Badehalle wurde im Erdgeschoss und im Obergeschoss durch eine Galerie mit Liegeflächen erweitert. Gestaltgebendes und akustisches Element in den Badehallen ist eine neue Holzlamellendecke, die sich in sanftem Schwung von der Wandfläche über die Decke bis hin zur Glasfassade schwingt.

Im neuen Foyer befinden sich Kunstelemente aus dem Bestand, in der Decke die restaurierte Glaskunst von Max Ackermann sowie die vergoldete Badewanne auf der Galerie. (Foto: Uwe Ditz)
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Wir wollten vor allem den ursprünglichen Charakter der Anlage beibehalten und weiter schärfen. Deshalb haben wir die Grundkonzeption, den L-förmigen Baukörper mit Nord- und Ostflügel sowie das quadratische Außenbecken, komplett erhalten – insbesondere das weitläufige Mineralwasserbecken mit Seecharakter verleiht dem Bad Alleinstellungsmerkmal. Das alte Bewegungsbad aus den 1970-er Jahren im Osten der Anlage wurde durch einen Anbau an die Badehalle ersetzt, der sich nahtlos in den Bestand einfügt. Im Duktus des alten Bades gliedert das bestehende Stützenraster die neuen, großflächigen Glasfassaden von außen und auch die Sonnenbalkone mit Markisen und horizontalen Brüstungen zur Parkanlage haben wir beibehalten. Die neu gestaltete Eingangsfront mit blau schimmernder Mosaikfassade und frei gelegtem Kolonnadengang verleiht dem Bad eine neue Identität im Stadtraum, das Bad wirkt offen und einladend. 

Das L-förmige Gebäude und das quadratische Außenbecken mit Seecharakter (Foto: Uwe Ditz)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?

Die größten Bedenken der Stuttgarter Bevölkerung waren, das Bad könnte nach der Sanierung seinen alten Charme verlieren. So lag unser Fokus bei der Sanierung darauf, dass die Badegäste ihr altes Bad Berg nach der Sanierung wiedererkennen und die besondere Atmosphäre nach wie vor zu spüren ist. Um den alten Charme aufzugreifen, haben wir besonders charakteristische Elemente aus dem alten Bad entnommen, restauriert und wieder eingebaut. Ein Beispiel sind die Sommerumkleiden aus Holz und die Holzliegen im Außenbereich. Im Innenraum wurden die speziellen Kaltwasserduschen mit Seilzug im Saunabereich sowie die Hängeleuchten in der Badehalle wieder eingesetzt. Gleichermaßen haben wir zahlreiche Kunstelemente aus dem Bestand entnommen, restauriert und wieder ins Bad eingebunden, beispielweise im Foyer die restaurierte Ackermann-Glaskunst an der Decke und die vergoldete Badewanne auf der Galerie sowie im Bewegungsbad die restaurierte Glaskunst von Bert Hundhausen. Und auch die zahlreichen Dannecker-Skulpturen in der weitläufigen Gartenanlage blieben erhalten. Im Innenraum haben wir soweit möglich die organisatorischen Abläufe aus dem Bestand übernommen. Für einen barrierefreien Zugang führt eine Rampe ins tiefer gelegte Foyer mit Gastronomie. Im Obergeschoss befinden sich die Saunabereiche, die wie im Bestand für Damen und Herren voneinander getrennt sind, sowie ein Gymnastikraum mit Ausblick in die Parkanlage. Dabei ist der Komfort im Bad durch die Sanierung um ein Vielfaches gestiegen – helle und luftige Räume, eine bessere Akustik, mehr Behaglichkeit, eine zeitgemäße Gestaltung. 

Die geschwungene Holzlamellendecke und die Galerie mit Liegeflächen verleihen den Badehallen einen warmen und freundlichen Charakter.. (Foto: Uwe Ditz)
Die Fliesenwand in der Badehalle wurde gemeinsam mit dem Künstler Prof. Matthias Kohlmann in Anlehnung an den Bestand gestaltet. (Foto: Uwe Ditz)
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?

Um das gesamte Gebäude heller und offener zu gestalten, haben wir die verglasten Flächen auf rund 50 Prozent erhöht, was zugleich den Wärmeeintrag ins Gebäude steigert. Eine Besonderheit ist: Für die Wärmeerzeugung im Bad Berg wird in erster Linie die im Quellenwasser enthaltene Energie genutzt. Durch das kontinuierlich, artesisch austretende Mineralwasser ist es möglich, den Einsatz von fossilen Brennstoffen für die Wärmeerzeugung erheblich zu reduzieren und die Betriebskosten zu senken. Zudem ist das Mineralwasser in den Becken aufgrund des Durchflussverfahrens stets frisch, es muss nicht über Filteranlagen gereinigt werden. Die Erwärmung des Heizungswassers erfolgt über einen Kraft-Wärme-Prozess mittels zwei Wärmepumpen. Hinzu kommen eine Mehrkesselanlage mit Gas-Brennwert-Wandgeräten, ein BHKW und Photovoltaik-Anlagen auf dem Dach.

Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?

Im Innenraum wollten wir in erster Linie eine ruhige und entspannte Atmosphäre schaffen. Dafür haben wir nur wenige Materialien wie Holz, Feinsteinzeug, Mosaikfliesen, Sichtbeton und Stahl eingesetzt und eher gedeckte Farben gewählt. Zum Beispiel schafft die neue Holzlamellendecke in den Badehallen eine warme Atmosphäre und sorgt für eine gute Akustik. Charakteristisch für die Badehalle ist auch die grafisch gestaltete Fliesenwand, die wir gemeinsam mit dem Stuttgarter Künstler Prof. Matthias Kohlmann in Anlehnung an den Bestand entwickelt haben. Von außen verleiht insbesondere die blau schimmernde Mosaikfassade dem Bad eine besondere Wirkung und einen hohen Wiedererkennungswert. 

Lageplan (Zeichnung: 4a Architekten)
Grundriss Erdgeschoss - Bestand in lichtgrau, Neubau (Zeichnung: 4a Architekten)
Querschnitt (Zeichnung: 4a Architekten)
Längsschnitt (Zeichnung: 4a Architekten)
Mineralbad Berg 
2020
Am Schwanenplatz 9 
70190 Stuttgart

Nutzung
Mineralbad mit Hallen- und Freibad

Auftragsart
Vergabeverfahren
 
Bauherrschaft
Bäderbetriebe Stuttgart

Architektur
4a Architekten GmbH, Stuttgart
Projektleitung: Martin Schweizer
Planung: Thorsten Buck, Martina Henke, Andreas Rothmann
Ausschreibung/Vergabe: Izabella Hüttig, Patricia Löw
Bauleitung: Daniel Hauptmann, Marc Holtschmidt, Silvia Nanz
 
Fachplaner
Landschaftsplanung: Landschaftsarchitekten Wiedemann und Schweizer, Stuttgart
Projektsteuerung: Drees & Sommer, Stuttgart
Entkopplungsbauwerke: Ingenieursgesellschaft Prof. Kobus und Partner GmbH, Stuttgart
Tragwerksplanung: Schneck-Schaal-Braun Ingenieurgesellschaft Bauen mbH, Tübingen
Bauphysik: Krämer Evers Bauphysik, Stuttgart
Brandschutz: Ralf Kludt Dipl.-lng. (FH) Sachverständige & Ingenieure für vorbeugenden Brandschutz, Konstanz
HLS: Planungsgruppe VA, Hannover
Elektroplanung: E. u. P. Schnell Beratende Ingenieure VDI, Stuttgart
 
Kunst am Bau
Glaskunst: Max Ackermann (Decke Foyer), Bert Hundhausen (Regenbogenfenster)
Vergoldete Badewanne: Edgar Harwardt
Fliesenwand: Prof. Matthias Kohlmann
 
Ausführende Firmen
Erd- und Rohbauarbeiten: Gottlob Brodbeck GmbH & CoKG, Metzingen
Holzbauarbeiten: Holzbau Schaible GmbH, Wildberg
Metallbau- und Verglasung außen: Hunsrücker Glasveredelung Wagener GmbH & Co.KG, Kirchberg
Metallbau- und Verglasung innen: Rienth GmbH&Co.KG, Winnenden
Vorgehängte Fassade/WDVS: Hans Scholl GmbH, Gemmrigheim
Dachabdichtung: Holl Flachdachbau GmbH & Co. KG
Schlosserarbeiten: Maibrink GmbH & Co. KG, St. Johann Gächingen (Schwarzstahl); Böhm Schlosserei Stahlbau GmbH, Stuttgart (Edelstahl); Rollo Solar Melichar GmbH, Bad Tölz (Rolltor)
Trockenbauarbeiten: Ullrich & Schön GmbH, Fellbach-Schmiden
Estrich, Abdichtung und Fliesen Außenbecken: Steuler-KCH GmbH, Siershahn
Estrich, Abdichtung und Fliesen Innen: Fliesen Röhlich GmbH, Wendelstein
Sportboden: Sport und Fußbodentechnik Süd GmbH, Ditzingen
Schreiner Holzlamellen: Ries Akustik-Innenausbau GmbH, Alerheim
Schreiner Holztüren und Möbel: Ries Akustik-Innenausbau GmbH, Alerheim
Schreiner Sommerumkleiden: Werner und Marcel Braun Bau- und Möbelschreinerei, Stuttgart
Malerarbeiten: Kauderer GmbH + Co.KG, Stuttgart
Bodenbeschichtung: HBH Service UG, Hainspitz
Schließanlage: Weckbacher Sicherheitssysteme GmbH, Stuttgart
Markise: Karl Staib Sonnenschutzanlage GmbH
Saunen: Klafs GmbH & Co.KG
Umkleiden/Spinde: Kemmlit-Bauelemente GmbH
Lüftung: Lorcher Klimatechnik GmbH & Co.KG, Lorch-Waldhausen
Sanitär: MB Gebäudetechnik GmbH, Waiblingen
Heizung: Pleitz GmbH, Laucha/Unstrut
Badewassertechnik: AfW Wassertechnologie GmbH & Co. KG, Wunstorf
Elektro: Speidel GmbH, Göppingen
Freianlagen: Hermann Sickinger GmbH & CoKG, Gerlingen

Hersteller
Fassade Glasmosaik + Putz: Sto
Dachdeckung: Creaton GmbH
Bodenfliesen: Feinsteinzeug - Agrob Buchtal
Wandfliesen: Agrob Buchtal
Glasmosaikfliesen: Trend
Beckenfliesen: Agrob Buchtal
Saunen: Klafs GmbH & Co.KG
Akustikdecke: Sto Silent Akustik (Blähglasgranulat)
Holz-Lamellendecke (Weißtanne): Franz Habisreutinger 
Umkleiden/Spinde: Kemmlit-Bauelemente GmbH
Geländerbespannung: Copaco
Markisen: Warema
Armaturen: Conti
Obertürenschließer: Geze
Fenstergriffe und Türdrücker: Hafi Beschläge
Beleuchtung: Simes, L&L Luce&Light (Turis)
Kassensystem: Scheidt & Bachmann GmbH
Schließanlage: SimonsVoss Technologies GmbH

Bruttogeschossfläche
Sanierung: ca. 3.113 m²
Neubau: 2.082 m²
Gesamt: 5.195 m²
 
Gebäudevolumen
Sanierung ca. 15.144 m³
Neubau: 8.092 m³
Gesamt: 23.236 m³
 
Gebäudekosten
Herstellungskosten KG 300 – KG 500 (netto) ohne Quellsanierung, Interimsgastro und Parkanlage: 26.083.000 € netto
KG 300 (netto): 16.705.000,00 €
KG 400 (netto): 7.950.000,00 €
KG 500 (netto): 1.428.000 €
 
Fotos
Uwe Ditz, Stuttgart

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