Ortsverbundenheit

CAPE und schleicher.ragaller architekten
24. Februar 2021
Straßenansicht (Foto: Zooey Braun)

CAPE und schleicher.ragaller architekten haben kürzlich ein Wohn- und Werkhaus in Schwaikheim fertiggestellt, das beispielhaft zeigt, wie sich Architektur in einen Ort einfügen kann, ohne sich abzuschotten oder anzubiedern. Markus Binder, Domenik Schleicher und Michael Ragaller berichten über das Projekt.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Bei der Planung von Wohngebäuden steht heute leider in vielen Fällen die rein wirtschaftliche Ertragsoptimierung im Vordergrund. Hier war das erfreulicherweise ganz anders: Als sich zeigte, dass die landwirtschaftlichen Gebäude auf dem familieneigenen Grundstück abgebrochen werden mussten, entschied sich die Eigentümerfamilie, Wohnraum zu schaffen, der in der Region Stuttgart dringend benötigt wird – das aber in einer Art und Weise, die den Ort und das Gemeinwesen stärkt und durch eine nachhaltige, ökologische Bauweise in die Zukunft weist. 

Für uns als Architekten war das eine große Chance und eine verantwortungsvolle Aufgabe. Noch interessanter wurde sie dadurch, dass die Familie nach wie vor landwirtschaftlich tätig ist und im Nebenerwerb eine kleine Zimmerei betreibt, weshalb das geplante Ensemble auch eine Werk- und Einstellhalle umfassen sollte. Es ging also letzten Endes darum, das für das dörfliche Umfeld typische Leben und Arbeiten unter einem Dach zeitgemäß neu zu interpretieren. 

Vorbereich Wohn- und Werkgebäude (Foto: Zooey Braun)
Fassadendetail (Foto: Zooey Braun)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?

Seinen Ausgangspunkt fand der Entwurf in der direkten Nachbarschaft – und in der Historie des Orts: In ihrer Materialität aus roh geschaltem Sichtbeton und dunklem Holz, aber auch in ihrer einfachen Grundform zweier giebelständiger Häuser zitieren die beiden Gebäude Motive der landwirtschaftlichen Architektur, die den Charakter Schwaikheims lange bestimmt haben – und auch die Vorgängerbauten auf dem Grundstück auszeichneten. 

Analogien zur Umgebung (Foto: Zooey Braun)
Werkhalle (Foto: Zooey Braun)
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Ein massiver gemeinsamer Sockel vermittelt zwischen dem Straßenniveau und dem tiefer gelegenen Garten. Zugleich bringt er aber auch die Robustheit, die der Standort direkt an der stark befahrenen Durchgangsstraße erfordert. 
Der Hof, den die beiden Gebäudeteile aufspannen, dient nicht nur als Vorfeld für die Wohnungen und Erweiterung der Werkhalle, er weitet auch den Straßenraum, bremst so den Blick und lädt zur Annäherung ein. Nicht nur beim jährlichen Weihnachtsbaumverkauf, der hier stattfindet, wird dieses Angebot von der Nachbarschaft gern wahrgenommen.

Werkhalle (Foto: Zooey Braun)
Eingang (Foto: Zooey Braun)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?

Bei einem Bauherrn, der nicht nur Bauphysiker ist, sondern auch ausgebildeter Zimmermann, ist es naheliegend, dass das Material Holz von Beginn an eine ebenso große Rolle spielte. Genauso aber das Thema der Nachhaltigkeit und des bewussten Umgangs mit Ressourcen. Zusammen mit einem gemeinsamen Interesse an einer hohen handwerklichen Qualität war damit schon eine sehr gute Grundlage für die Gespräche zwischen Bauherrschaft und uns Architekten gegeben. Dass sich die Bauherrenfamilie im Laufe des Baufortschritts entschied, selbst im Haus einzuziehen, darf man vermutlich auch als Zeichen für eine gute, vertrauensvolle Zusammenarbeit werten. 

Treppenhaus (Foto: Zooey Braun)
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?

Der Klimawandel ist in seinen Auswirkungen schon heute sichtbar, Energie und Baumaterialien sind knappe Güter – von daher sollte man das energieeffiziente, ressourcenschonende Bauen nicht als zeitgeistigen Trend sehen, sondern schlicht und einfach als zwingende Notwendigkeit. Dabei lässt sich mit ganz einfachen, vernünftigen Entscheidungen schon viel erreichen: Eine klare konstruktive Grundstruktur mit geringen Spannweiten ermöglichte uns eine materialsparende Bauweise. Die großzügige Öffnung aller Wohnungen nach Süden reduziert zusammen mit der hochgedämmten Gebäudehülle den Heizenergiebedarf auf ein Minimum. Wenn nun noch die bereits vorgerichtete Photovoltaikanlage auf dem Dach installiert wird, deckt das Gebäude in der Jahresbilanz den größten Teil seines Energiebedarf selbst.

Lageplan (Zeichnung: CAPE und schleicher.ragaller architekten)
Obergeschoss (Zeichnung: CAPE und schleicher.ragaller architekten)
Schnitt (Zeichnung: CAPE und schleicher.ragaller architekten)
Wohn- und Werkhaus Weilerstraße
2020
Weilerstraße 19
71409 Schwaikheim

Nutzung
Mehrfamilienhaus mit landwirtschaftlicher Werk- und Einstellhalle
 
Auftragsart
Direktbeauftragung
 
Bauherrschaft
privat
 
Architektur
CAPE Binder Hillnhütter Deisinger, Esslingen, Schwäbisch Hall
schleicher ragaller freie architekten, Stuttgart
 
Fachplaner
Planung Gebäudetechnik: JSP Jürgen Schroth, Nürtingen
Tragwerksplanung und Bauphysik: Werner&Balci GmbH, Esslingen
 
Ausführende Firmen
Rohbau: Ernst Heid GmbH Bauunternehmen, Fellbach
Zimmer- und Holzarbeiten: Carpent Holzbau, Gärtringen
Klempnerarbeiten: Schenk GmbH, Filderstadt
Fensterarbeiten: Fa. Ruoff, Bodelshausen
Elektroarbeiten: Fa. Sever, Stuttgart
Sanitärarbeiten: Fa. Löbbert, Ostfildern
 
Hersteller
Remmers: Lasur Farbton Ebenholz
ISOVER: Ultimate Holzbaufilz
Bauder: Trennlagen Top Vent
Maco: Fenster in Fichtenholz, lasiert, 3-fach verglast, Beschläge
FSB: Drücker
 
Energiestandard
KfW 55
 
Bruttogeschossfläche Wohnhaus
590 m²
 
Bruttogeschossfläche Werkhaus
2.170 m²
 
Gebäudevolumen Wohnhaus
2.625 m³
 
Gebäudevolumen Werkhaus
590 m³
 
Gebäudekosten KG 300 + 400 brutto
1.555.100 €
 
Gesamtkosten KG 100 – 700 brutto
1.905.000 €
 
Fotos
Zooey Braun

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