Neuer Klang in alter Tuchfabrik

HBRM
12. Juni 2024
Eingangssituation mit der wieder aufgebauten Toranlage (Foto: Jennifer Endom)
Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Das Projekt transformiert das Gelände einer ehemaligen Tuchfabrik in einen modernen Veranstaltungsort. Dabei wurden der denkmalgeschützten Bausubstanz ergänzende Bauteile hinzugefügt, die zum einen das Gelände mit dem öffentlichen Raum verzahnen, zum anderen einen Dialog zum ziegelumstellten Industriehof eingehen.

Im Inneren der historischen Sheddachhalle fungieren die patinierten, gusseisernen Stützen als Zeitzeugen des mechanischem Treibens textilverarbeitender Webstühle. Das Highlight der Ergänzung und wichtigster Bestandteil des Ensembles ist der leinenüberspannte, multifunktionale Konzertsaal mit hölzernem Sockel. Hier galt es, dem Wunsch nach Multifunktionalität mittels der Integration von Raumtrennwand, höhenverstellbarer Bühne, ausziehbarer Zuschauertribüne und akustischem Nachhallzeit-Verlängerungssystem gerecht zu werden. 

Foto: Jennifer Endom
Welche Inspiration liegt diesem Projekt zugrunde?

Der Ort Finsterwalde kann städtebaulich mittels der Architekturobjekte beschrieben werden, die – zumeist zwischen 1890 und 1930 gebaut – alle das Material des Ziegels verbindet. Neben dem Gemeindehaus, das wir 2016 eröffnen konnten, sollte auch dieses Haus ein Finsterwalder Haus werden. Eines, das die Stadtbausteine als Ziegelarchitekturen mit unseren Mitteln in unsere Zeit fortschreibt.

Foto: Clemens Habermann
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Das neue Eingangsbauwerk an der Straße fungiert als Adresse des Ensembles und verknüpft den Stadtraum mit dem Hof. Hier wird ein historischer Webstuhl ausgestellt und leitet thematisch in die Geschichte des Ensembles ein. Die mit Aluminiumrahmen eingefassten Ziegeltafeln der neu ergänzten Bauteile stellen Bezüge zu modernistischen Industriearchitekturen her, während Sie gleichzeitig eine regionale Bautradition und den Ort als unmittelbare Umgebung kontextualisieren.

Die patinierten, gusseisernen Stützen stehen objekthaft als Zeitzeugen in der hell geschlemmten Sheddachhalle, dem Ort der einstige Tuchproduktion. (Foto: Jennifer Endom)
Der multifunktionale Saal kann mittels Trennwand geteilt werden. Beide Raumteile sind zeitgleich nutzbar. (Foto: Jennifer Endom)
Haben Sie den Auftrag über einen Wettbewerbsbeitrag oder direkt erteilt bekommen?

Der Auftrag ging aus einem beschränkten Wettbewerbsverfahren mit nachgeschaltetem VGV-Verfahren hervor. Aus dem Wettbewerbsverfahren sind wir als Zweitplazierte hervorgegangen, im Zuge des Verhandlungsverfahrens konnten wir die Bauherrenschaft von den Vorzügen des Entwurfes überzeugen.

Foto: Jennifer Endom
Welche besonderen Anforderungen wurden gestellt? Wie haben Sie diesen im Projekt Rechnung getragen?

Eine Besonderheit im Zustandekommen des Vorhabens war der lange, politische Prozess in der Stadtgesellschaft. Es wurde lange darüber gestritten, ob das Projekt überhaupt benötigt wird oder ob man das Geld nicht besser in Kitas, Schulen und Straßen stecken solle. Es gab Klagen von Oppositionsparteien, Diskussionen und schließlich eine Bürgerbefragung, die uns glücklicherweise mit einer deutlichen ⅔-Mehrheit für das Projekt, den nötigen Rückhalt für die Umsetzung gab. Die Prämisse für diesen Entscheid war, dass mindestens 50% des Gesamtvolumens über Fördermittelgeber akquiriert werden müsse. Hier hat die Stadt als Bauherr alle Hebel in Bewegung gesetzt und die Förderquote übertroffen. 

Foto: Jennifer Endom
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?

Der Entwurf hat sich gegenüber dem Wettbewerb hinsichtlich seiner funktionalen Anforderungen sehr verändert. Insbesondere die Auslegung des Saales hinsichtlich seiner Teilbarkeit, Sitzüberhöhung und höhenverstellbaren Bühne wurde vom Bauherren neu beschrieben. Wir haben vor allem an den Fassaden Veränderungen vorgenommen, die auf eine feineren Dialog mit den Bestandsbauteilen und ein stimmigere Gesamtatmosphäre des Hofes abstellten. 

Saal (Foto: Jennifer Endom)
Welche digitalen Instrumente haben Sie bei der Planung eingesetzt?

Die verschiedenen Planungen der unterschiedlichen Fachplaner wurden mittels IFC-Schnittstellen in ein BIM-Modell integriert, mit dessen Hilfe potenzielle Kollisionen vermieden werden konnten. Darüber hinaus wurden alle Mengen und Massen aus dem 3D-Modell gezogen und die Baustellentermine mittels BIMX visualisiert. Mit diesem Prozess erreichten wir, trotz Lieferproblemen, einen effektiven Bauablauf von 26 Monaten inklusive Abbruchmaßnahmen.   

Lageplan (Zeichnung: HBRM)
Grundriss Erdgeschoss (Zeichnung: HBRM)
Schnitt (Zeichnung: HBRM)
Axonometrie (Zeichnung: HBRM)
Kulturweberei Finsterwalde
2023
Oskar Kjellberg-Straße 9
03238 Finsterwalde
 
Nutzung
Kunst-Kultur und Kongressnutzung
 
Auftragsart
Wettbewerb, Generalplanung, Gebäudeplanung + Tragwerksplanung
 
Bauherrschaft
Stadtverwaltung Finsterwalde
 
Architektur
Habermann Architektur, Finsterwalde/Berlin
Jürgen und Clemens Habermann, sowie Lukas Bartke, Niclas Gebhardt, Aina Perello, Lion Schreiber
 
Fachplaner
Tragwerskplanung: Habermann Architektur, Finsterwalde/Berlin
Brandschutz: Habermann Architektur__Finsterwalde/Berlin
TGA Planung: AHS Ingenieurgesellschaft mbH, Falkenberg
Akustik: Grahner Partner Ingenieure GmbH, Bergisch-Gladbach
Bühnentechnik: Theater Engineering Ingenieurgesellschaft mbH, Berlin
Bauphysik: GWJ Ingenieurgesellschaft für Bauphysik GbRm, Cottbus
 
Kunst am Bau
Isabel Kerkermeier, Berlin
4m hohe »Spindel« 
 
Bruttogeschossfläche
2.753 m²
 
Gesamtkosten
21.000.000 €
 
Auszeichnung
Brandenburgischer Baukulturpreis 2023
 
Fotos
Jennifer Endom, Clemens Habermann

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