In offener Landschaft

Auer Weber
29. Mai 2024
Olympisches Wassersportstadion zum See mit Schiedsrichterturm und Regattastrecke im Vordergrund (Foto: Christoph Gramann)
Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Bei der Bebauung der Ile de Vaires besteht die Herausforderung darin, ein ganz besonders heterogenes und ambitioniertes architektonisches Programm in eine über Jahrzehnte regional etablierte, großmaßstäbliche Park-, See- und Kulturlandschaft zu integrieren. Neben der einmaligen Ausrichtung auf die Olympischen Sommerspiele »Paris 2024« für die Disziplinen Rudern, Kanu und Wildwasserslalom, geht es vor allem um das alltägliche Zusammenspiel verschiedener öffentlich zugänglicher Freizeitaktivitäten mit einem Leistungssportzentrum für den Ruder- und Kanusport in einem Landschaftspark am See.

Zielbecken der Slalomstrecke und Aufwärmkanal zum See mit Wettkampf- und Medienzentrum (Foto: Aldo Amoretti)
Welche Inspiration liegt diesem Projekt zugrunde?

Es ist die Idee einer selbstverständlichen und integrativen Struktur, welche die verschiedenen Nutzer-  und Besuchergruppen nicht voneinander trennt sondern verbindet – ohne den bestehenden und sehr beliebten öffentlichen Seerundweg um den «Lac de Vaires» zu unterbrechen.

Wir suchten nach einem Konzept, das räumlich soviel Kontakt und Interaktion wie möglich zwischen den Besuchern und den Sportlern fördert. Zudem sollten die Besucher aber auch stets mit neuen Perspektiven an einem altbekannten Ort überrascht werden.

Foto: Aldo Amoretti
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Die topografisch leicht erhöhte Struktur ermöglicht eine uneingeschränkte Wegführung über das Leistungszentrum der Athleten hinweg. Sie bietet aber vor allem die Chance, das stille Wasser des Sees mit den wilden Fluten der neu angelegten Flusslandschaften zu vermählen. Somit war die Idee des »Balkons« zum See geboren, den wir »Plateau vif« nannten. Es lässt den Panoramablick auf beide Orte gleichzeitig zu – im Osten das Wildwasser, im Westen der Regatta-See – und verbindet die Tennisanlagen nebst Parkplatz im Norden mit dem Freizeitsportzentrum im Süden.

Die künstlichen Wildwasserflüsse von insgesamt 1,5 km Länge sind von der Gestalt natürlicher Flussläufe inspiriert und graben sich klammartig in die bestehende ebene Topografie hinein. So überwinden sie ganz selbstverständlich die obligatorischen vier Meter Gefälle der Slalomstrecke, die das Herz der Außenanlagen zu den Ufern der Marne hin bildet. Sie verknüpft den Bootspark auf Ebene der Kanusportler mit dem Wasserpegel des Sees. 

Kulturell versteht sich der Entwurf integrativ und inklusiv, denn bis auf wenige Ausnahmen ist das gesamte Areal öffentlich und barrierefrei zugänglich. Über die Kanäle und Uferbänke sind im Übrigen alle emblematischen Orte der Insel mit dem Paddelboot erreichbar.

Luftbild der Slalomstrecke (WW IV) (Foto: Aldo Amoretti)
Haben Sie den Auftrag über einen Wettbewerbsbeitrag oder direkt erteilt bekommen?

Es handelte sich um einen geladenen Wettbewerb mit vorgeschaltetem Bewerbungsverfahren. Unser Beitrag bekam eine einstimmige Empfehlung zur Beauftragung, es gab kein Verhandlungsverfahren in Konkurrenz.

Vorfeld des Leistungszentrums Rudern (Foto: Aldo Amoretti)
Welche besonderen Anforderungen wurden gestellt? Wie haben Sie diesen im Projekt Rechnung getragen?

Im Süden des Areals, zwischen dem Fluss Marne und dem See gelegen, ragt die denkmalgeschützte, aus dem frühen 19. Jahrhundert stammende Schokoladenfabrik Menier mit ihrem Volumen weit über die Baumwipfel hinaus. 

Ab der Schwelle zum Grundstück galt es, den Blick auf den See zu bewahren und die Blickachse zur Schokoladenfabrik von Bebauungen freizuhalten. Diese Blickbeziehung wurde sogleich zum konstituierenden Bestandteil der Gestaltung unseres Plateau-vif

In Bezug auf die Entwicklung des Naturraums, den wir hier besetzen, legten wir sehr großen Wert auf die Gestaltung vielfältiger charakteristischer Landschaftsräume, auf den Erhalt und die Förderung der Biodiversität und auf möglichst geringe Schall- und Lichtemissionswerte.

Ziellauf der Slalomstrecke mit Schiedsrichtergebäude (Foto: Aldo Amoretti)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren Nutzer*innen den Entwurf beeinflusst?

Gestalterisch ließ uns die Bauherrschaft weitgehend freie Hand, selbstverständlich unter Einhaltung des budgetären Rahmens. Funktionale Abläufe und Abhängigkeiten wurden mit den Nutzern und ortsansässigen Vereinen während der Planung diskutiert und meist partizipativ entschieden. Der Nutzerkreis wurde im Zuge der Konkretisierung fortwährend erweitert und das Budget entsprechend angepasst. 

Entwicklung des Gebäudes aus dem flachen Gelände heraus, das Plateau vif (Foto: Aldo Amoretti)
Inwiefern haben Sie im Projekt die Verwendung von Naturbaustoffen und zirkulären Baustoffen angestrebt?

Konstruktiv wurde der Einsatz von Beton auf speicherfähige und statisch relevante Bauteile beschränkt. Die Fassaden und einige Gebäude des Gesamtkomplexes wurden vollständig in Holzrahmen- bzw. Holzskelettbauweise errichtet. Gedämmt wurden die Fassaden überwiegend mit Holzwolle. 

Das Projekt folgte auf Wunsch des Bauherrn den in Frankreich üblichen HQE-Richtlinien zur Nachhaltigkeit (ohne Zertifizierung). All dies war bereits zum Zeitpunkt der Konzeption vom Bauherrn gefordert und wurde in der Planung auch entsprechend berücksichtigt und evaluiert. 

Blick über die Flusslandschaften in Richtung Schokoladenfabrik und Torcy (Foto: Aldo Amoretti)
Aufwärmtraining neben dem Zufahrtskanal, darüber die Sportlerunterkünfte (Foto: Aldo Amoretti)
Welche Überlegungen stecken hinter den Entscheidungen für die eingesetzten Materialien?

Gemäß Auslobung war das Projekt auf eine Nutzungsdauer von 30 Jahren auszulegen. In Bezug auf die Materialität suchten wir nach einer natürlichen und zeitlosen Erscheinung, nach Dauerhaftigkeit und nach Funktionalität. Die Einhaltung des angestrebten Budgets verlangte aber gleichermaßen nach wirtschaftlichen Lösungen, und so wurden Kompromisse gefunden, wie z. B. die robuste und doch kostengünstige Bekleidung der Fassaden mit Polycarbonat-Tafeln, welche im Bereich der Bootshangars zugleich die natürliche Belichtung sichern.

Ziellinie und Schiedsrichterturm der Regattastrecke (Foto: Aldo Amoretti)
Beschäftigten Sie sich im Büro mit den Tendenzen des zirkulären Bauens und der sozialen Nachhaltigkeit?

Definitiv ja. Zu berücksichtigen ist in diesem Falle aber, dass die Planung der Ile de Vaires bereits 2015 erfolgte. Dafür konnte die soziale Nachhaltigkeit in diesem Projekt Einzug halten, bedenkt man die Integration der beteiligten Nutzergruppen, ortsansässigen Vereine und Förderung neuer Sportdisziplinen. Im Übrigen unterliegen auch die Sportstätten seit ihrer Eröffnung 2021 stetiger Modifikationen an immer neue Disziplinen…

Lageplan (Zeichnung: Auer Weber)
Grundriss Erdgeschoss (Zeichnung: Auer Weber)
Olympisches Wassersportstadion Vaires-Torcy 
2019 - 2023
Route de Torcy
77360 Vaires-sur-Marne (FR)
 
Nutzung
Leistungszentrum für Rudern und Wildwassersport inkl. Sportlerunterkünften mit Restauration, Verwaltungs- und Trainingsbereichen, Medienzentrum und Schiedsrichtergebäude für Großveranstaltungen, dazu Betriebswohnungen;
Freizeitsportanlage für Tennis, Badminton & Squash, Yoga & Tanz sowie diverse Wassersportarten (Segeln, Surfen, Wildwasser);
 
Auftragsart
Öffentlicher Auftrag
 
Bauherrschaft
Conseil régional Ile-de-France, Paris, vertreten durch Ile-de-France Construction durable 
 
Architektur
Auer Weber, München
Projektleiter : Markus Hennig
Mitarbeit: Géraldine Fischer-Pupolier, Florian Zopfy, Thomas Zeilhofer, Chaoya Wang, Ingo Pucci
 
Fachplaner
Landschaftsarchitekt: agenceter (75011 Paris)
Partnerarchitekt: APMA (76000 Rouen)
TGA & Wassertechnik: SOJA Ingénierie (76000 Rouen)
Tragwerksplanung: Tractebel Engineering (69326 Lyon)
Energieplanung: Éléments Ingénieries (75010 Paris)
Küchenplanung: Écotral (67000 Strasbourg)
Kostenplanung & Ausschreibung: Vanguard (Saint-Ouën)
 
Bauleitung
Partnerarchitekt: APMA (Rouen)
Projektsteuerung: IPCS (Paris)
 
Ausführende Firmen
Erdarbeiten & Tiefbau: Demathieu Bard / Laeri / EJL , St Thibault des Vignes
Rohbauarbeiten (Gebäude): Demathieu Bard, St Thibault des Vignes
Rohbauarbeiten (Wildwasseranlage): Charier / Ortec / Ag+, Lognes
Pumpentechnik (Wildwasseranlage): SOC, Brie Compte Robert
Fensterarbeiten: Demathieu Bard / Druet, St Thibault des Vignes
Fassadenarbeiten & Holzbau: Demathieu Bard / Rubner, St Thibault des Vignes
Dachabdichtung: Demathieu Bard / Smac, St Thibault des Vignes
Trockenbauarbeiten: IDS, Vaux le Pénil
Schreinerarbeiten: Suscillon, La Tour du Pin
Schlosser- & Metallbauarbeiten: RS2i Bâtiment, Bondoufle
Malerarbeiten; Feldis Leviaux, Melun)
Fliesenarbeiten & Böden: CBC, itry sur Seine), Ecobat 
Heizung, Lüftung, Sanitär: Hervé Thermique, Metz
Elektrische Anlagen: Satelec, Viry Chatillon
Förderanlagen: Mecafosse, Gennevilliers
Küchenarbeiten : IDFC, Melun
Außenanlagen, Gartenbau : Prettre Espaces Verts, Mere
 
Energiestandard 
RT2012 / HQE »Très performant«
 
Bruttogeschossfläche
19.000 m²
 
Gesamtkosten
75.000.000 € (brutto)
 
Fotos
Aldo Amoretti
Christoph Gramann

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