Ergänzt und aufgewertet

Sauerbruch Hutton
14. Juli 2021
Die Dacherweiterung mit der elegant geneigten Kupferfassade verleiht dem bestehenden Schulgebäude einen neuen und attraktiven Abschluss. (Foto: Jan Bitter)

Die Berlin Metropolitan School ist von Sauerbruch Hutton erweitert worden. Projektleiterin Vera Hartmann wählt vier Bilder und drei Pläne und beantwortet unsere Fragen zum Projekt.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Um das moderne Lehrkonzept der Berlin Metropolitan School räumlich besser umzusetzen sowie die neu konzipierte dreizügige Oberstufe unterzubringen, war eine Erweiterung des Flächenangebots im laufenden Schulbetrieb notwendig. Um den vorhandenen Innenhof zu erhalten, wurden diese zusätzlichen Räume größtenteils als Aufstockung realisiert. Der Neubau umfasst einen ein- bis zweigeschossigen Dachausbau in Holzbauweise sowie einen seitlichen Anbau, der sich bis ins Erdgeschoss fortsetzt. Dadurch werden drei bestehende Gebäudetrakte zu einer großzügigen Form zusammengefügt, die den Schulhof umrahmt. Das bestehende Erscheinungsbild bleibt erhalten und wird zugleich durch die bauliche Ergänzung aufgewertet.

Der Blick über den Innenhof Richtung Berlin Mitte. Beim Anbau zur Torstraße hin verläuft die Kupferverkleidung bis ins Erdgeschoss. (Foto: Jan Bitter)
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Die BMS nutzt ein Bestandsgebäude innerhalb des Flächendenkmals „Spandauer Vorstadt“, das 1987 im Rahmen des Stadtjubiläums „750 Jahre Berlin“ errichtet wurde. Im Sinne einer Stadtreparatur wurden damals Baulücken in der historischen Straßenflucht entlang der Torstraße geschlossen.

Das Schulhaus wurde als industriell vorgefertigter Stahlbeton-Systembau aus Elementen der Schulbaureihe 80 hergestellt, allerdings mit deutlich aufwändiger gestalteten Fassadenelementen als beim herkömmlichen Typenprojekt. Interessanterweise war die Fertigteilkonstruktion des Bestandsgebäudes für höhere Lasten ausgelegt – vermutlich, um mit den gleichen Elementen Schulgebäude mit mehr Geschossen zu errichten. Die Aufstockung macht sich diese Überdimensionierung zunutze und richtet sich nach dem vorgegebenen statischen System. Die Dachaufbauten aus Holz mit ihrem geringen Eigengewicht erforderten daher keine zusätzlichen Fundamente oder Eingriffe am Tragwerk der bestehenden Plattenbauten.

Die äußere Kupferverkleidung greift die Ziegelästhetik des Bestands farblich auf, macht aber die gestalterische Intervention mit fließenden Linien und einem eigenen Fensterrhythmus deutlich ablesbar. Das Alte und das Neue ergänzen sich quasi komplementär zu einer eigenständigen Form.

Material und Farbigkeit der bestehenden und neuen Fassade ergänzen sich zu einem neuen Gesamtbild. (Foto: Jan Bitter)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?

Wie Eingangs erwähnt, waren die Baumaßnahmen in den laufenden Schulbetrieb zu integrieren. Um dies zu ermöglichen wurde die Erweiterung als aufgesetzte Holzkonstruktion geplant und konnte aufgrund des hohen Vorfertigungsgrades phasenweise realisiert werden. 

Programmatisch antwortet der Entwurf auf die vielfältigen Anforderungen zeitgemäßer Schulbauten. Die neuen Räume bieten zusätzliche Klassenzimmer, Musikräume, eine Bibliothek, eine Dachterrasse, Verwaltungsbüros sowie ein großes Auditorium für Hauptveranstaltungen. Die Aula ist vom Hof aus über eine neue Treppe im seitlichen Anbau zu erreichen, was die Nutzung auch für externe Veranstaltungen ermöglicht. So wurden mit einer differenzierten Raumordnung Orte für Gemeinschaft, Rückzug, selbstständiges Lernen und Gruppenarbeiten geschaffen.

Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?

Als das Projekt initiiert wurde, befand sich die Schule selbst noch im Aufbau. Mit über die Jahre gewonnenen Erkenntnissen wurde auch der Entwurf sukzessive angepasst, so wurden zum Beispiel kleinere Klassenräume für die Oberstufe eingeführt. Die Planungsphasen liefen über mehrere Jahre hinweg – auch mit kleinen Pausen, die dann jeweils dafür genutzt wurden, diese im Schulbetrieb gewonnenen Erkenntnisse in das Raumprogramm einzupflegen. Allerdings waren diese Anpassungen eher kleinerer, interner Natur, das Grundgerüst des Entwurfs und die wichtigen Räume, wie etwa das Auditorium, haben sich dabei nicht mehr wesentlich verändert.

Blick von der Galerie ins Auditorium mit dem sichtbaren Tragwerk. (Foto: Jan Bitter)
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?

Schon aufgrund der Tatsache, dass es sich um einen Dachaufbau handelt, positioniert sich das Projekt als Beitrag in der Auseinandersetzung mit einer sinnvollen und nachhaltigen Verdichtung der Innenstädte. Zudem demonstriert es, dass ein Um- und Weiterbauen bestehender Gebäude eine ressourcenschonende Alternative zu Abriss und Neubau darstellt, da bereits vorhandene bauliche Strukturen weiter genutzt werden können. Das gilt umso mehr, wenn als Baumaterial Holz zum Einsatz kommt.

Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?

Ein so traditionelles Baumaterial wie Holz kann mit Hilfe moderner Materialtechnologie und digitaler Fertigungsmethoden ganz neue Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen. Das Bauen mit Holz erwies sich hier nicht nur ökologisch sondern auch ökonomisch sinnvoll, Bauprozesse konnten beschleunigt werden. Zugleich bot die repetitive Modulstruktur genug Freiheiten, um Innen- wie Außenräume skulptural auszuformen, und dem Gebäude damit einen identitätsstiftenden Charakter zu verleihen. Im Inneren sichtbar belassen, schaffen die Holzoberflächen eine angenehme und gesunde Raumqualität für die Lernenden und Lehrenden. Und im Laufe der Zeit zeigen Materialien wie Holz – oder auch das Kupfer der Fassade – die Spuren von Gebrauch, Alterung und Verwitterung auf ihren sinnlichen, organischen Oberflächen mit Würde. So gelingt es durch sehr bewussten Materialeinsatz, jene Prozesse des Bewahrens, Hinzufügens und Veränderns abzubilden, die urbane Vielfalt ausmachen.


 

Situationsplan (Plan: Sauerbruch Hutton)
Grundriss 5. Obergeschoss (Plan: Sauerbruch Hutton)
Schnitt (Plan: Sauerbruch Hutton)
Berlin Metropolitan School
2020
Linienstraße 122
10115 Berlin

Auftragsart
Direktauftrag über Machbarkeitsstudie 

Bauherrschaft
Berlin Metropolitan School
 
Architektur
Sauerbruch Hutton, Berlon
Vera Hartmann (Projektleiterin)
Jürgen Bartenschlag (Assoziierter)
Amelie Hummel, Andrea Frensch, Ben Hansen, Bettina Magistretti, Falco Herrmann, Felix Xylander-Swannell, Jennifer O'Donnell, Karolina Sznajder, Katja Correll, Lina Lahiri, Sarah Perackis, Simon Tobias Davis, Thomas Braun
 
Fachplaner
Tragwerksplaner: Andreas Külich Beratender Ingenieur, Berlin
TGA-Planer: Kofler Energies Ingenieurgesellschaft mbH
Lichtplaner: Kofler Energies Ingenieurgesellschaft mbH
Akustikplaner: Müller-BBM GmbH, Berlin
Landschaftsarchitekt: sinai Gesellschaft von Landschaftsarchitekten mbH, Berlin, Kret-a
Brandschutzplaner: hhp berlin - Ingenieure für Brandschutz GmbH, Berlin
Bauphysik: Müller-BBM GmbH, Berlin

Bauleitung
1. Bauabschnitt: Bauherr
2. Bauabschnitt: Jan Liebscher, Bromsky Architekten
 
Ausführende Firmen
Generalunternehmer Holzbau: Kai Vater Zimmerei und Holzbau GmbH & Co. KG, Lutherstadt Wittenberg 
in Zusammenarbeit mit Züblin Timber
Mineralisch: Hochbau Falkowski GmbH, Luckau
 
Hersteller
Heiz- und Kühltechnik TROX Schoolair
Beschläge FSB - Türdrückerfamilie von Sauerbruch Hutton
Lichtschalter: Gira

Bruttogeschossfläche
3.650 m²
 
Gebäudevolumen
18.783 m³

Gebäudekosten
k.A.
 
Fotos
Jan Bitter, Berlin

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