Backsteinarchitektur im Niemandsland

kklf Architekten
23. Juni 2021
Blick auf die Südfassade mit Zugang zur Mensa (Foto: Christian Richters)

Für die Gemeinde Schönefeld haben kklf Architekten am Stadtrand von Berlin, mitten in ein rasend schnell wachsendes Neubauviertel, eine ungewöhnlich große Kita mit integrierter Mensa gebaut. Alexander Elgin Koblitz beantwortet unsere Fragen zum Projekt.

Worin liegt das Besondere an dieser Bauaufgabe?

Der Neubau für die Kita Schönefeld sollte Räumlichkeiten für ungefähr 100 Krippenplätze, etwas mehr als 430 Kita- und Hortplätze und eine Mensa für die zu betreuenden Kinder der Kita und die Schüler der angrenzenden Grundschule aufnehmen. Das für eine Kita ungewöhnlich große Raumprogramm einschließlich des erforderlichen Großraums der Mensa musste auf einem geometrisch anspruchsvollen und verhältnismäßig kleinem Restgrundstück untergebracht werden.

Blick vom Südosten auf die erdgeschossigen Krippenräume (Foto: Christian Richters)
Blick auf die Westfassade mit dem zentralen Haupteingang (Foto: Christian Richters)
Welche Inspirationen liegen diesem Projekt zugrunde?

Der Gebäudeentwurf variiert die Typologie des Atriumhauses mit einem großen geschützten Innenhof als Gebäudezentrum. So werden von einem umlaufenden Erschließungs- und Spielgang alle an der Außenfassade aufgefädelten Nutzungen erschlossen und die Erschließung wird zugleich zur Galerie mit einer höchstmöglichen Transparenz zwischen den einzelnen Kitagruppen und den Geschossen. Der Hof selber wird als künstliche Landschaft inszeniert, bei der eine organisch modellierte Freiform von einem Holzdeck umschlossen wird. Vier in die Hügel eingewobene Oberlichter ermöglichen zugleich eine spielerische Verzahnung zwischen dem erdgeschossigen Mensa und dem darüber liegenden Freiraum.

Großer Spiel- und Innenhof (Foto: Christian Richters)
Wie reagiert der Entwurf auf den Ort?

Der Neubau liegt in einem städtebaulich schnell wachsenden Neubaugebiet, das exemplarisch die Auswüchse einer zynischen und renditenorientierten Wohnungsbaupolitik widerspiegelt. Der robuste Neubau reagiert auf die umliegenden „WDVS-Orgien“ mit einer plastischen und langlebigen Klinkerfassade, die einen großen, geschützten und introvertierten Binnenraum umhüllt.

Blick in den zentralen Mensabereich (Foto: Christian Richters)
Eingangsfoyer mit Freitreppe in die Obergeschosse (Foto: Christian Richters)
Inwiefern haben Bauherrschaft, Auftraggeber oder die späteren NutzerInnen den Entwurf beeinflusst?

Der Neubau ist in einer vergleichsweise kurzen Zeit geplant und umgesetzt worden. Dabei hat der Auftraggeber den hohen baulichen Anspruch mitgetragen und mit einer schlanken Bürokratie und schnellen Entscheidungen durchgesetzt.

Notwendiges Treppenhaus (Foto: Christian Richters)
Wie hat sich das Projekt vom ersten Entwurf bis zum vollendeten Bauwerk verändert?

Der ursprüngliche Entwurf war ein zweigeschossiges Hofgebäude, wie es sich noch immer in den beiden Obergeschossen abbildet. Im weiteren Planungsverlauf sollte plötzlich eine Mensa integriert werden und die Zahl der aufzunehmenden Kinder wurde erhöht. Eine Forderung, die angesichts des kleinen Grundstücks nur durch die Stapelung der Nutzungen umsetzbar war.

Umlaufender Erschließungsflur als Galerie zum Innenhof (Foto: Christian Richters)
Blick in die zusammenschaltbaren Gruppenräume (Foto: Christian Richters)
Enfilade der aufgefädelten Krippenräume (Foto: Christian Richters)
Beeinflussten aktuelle energetische, konstruktive oder gestalterische Tendenzen das Projekt?

Der Neubau hat einen kleinen CO2-Fußabdruck, weil entgegen der herkömmlichen Doktrin Mensa und Kita nicht als zwei Einzelgebäude umgesetzt, sondern beide Nutzungen gestapelt wurden. Das Gebäude kommt dabei ohne Unterkellerung und mit einer sehr effizienten und robusten Technik aus.

Die Lüftungsanlage für die Aufenthaltsräume erfolgt über mechanisch feuchte geregelte Zuluft- und Abluftelemente, wodurch auf ein teures und platzforderndes Zuluftkanalsystem verzichten werden konnte. Die Wärmerückgewinnung wird für die Aufenthaltsräume über eine nachgeschalte Wärmepumpe sichergestellt. Die zurück gewonnene Heizenergie steht so dem Gebäude wieder zu Verfügung. So führt eine einfache, robuste und kostengünstige Anlage zu geringen Betriebskosten und weiteren CO2-Einsparungen.

Notwendiges Treppenhaus (Foto: Christian Richters)
Welche speziellen Produkte oder Materialien haben zum Erfolg des vollendeten Bauwerks beigetragen?

Nach dem Motto „Harte Schale, weicher Kern“, prägen Stein und Holz das Erscheinungsbild des Gebäudes. Die plastische, rote Ziegelfassade wird durch skulpturale Einschnitte und ein ablesbares, horizontales Fassadenrelief im Erdgeschoss und leichte Modellierungen in den Obergeschossen gegliedert. In Kombination mit roten Verfugungen und Verblechungen erhält der Baukörper eine kraftvolle monolithische Außenwirkung. Die Innenraumwelten hingegen werden durch das Leitmotiv des integralen, hölzernen Möbels in allen Innenräumen geprägt. Dabei sind alle Regal- und Trennwände und Verkleidungen, einschließlich der rückwärtigen Flurwände im umlaufenden Flurbereich als Tischlerausbauten aus Birkensperrholz konstruiert. Sie bilden den atmosphärischen Rahmen für alle Aufenthaltsräume der Kinder.

Lageplan (Zeichnung: kklf Architekten)
Grundriss Erdgeschoss (Zeichnung: kklf Architekten)
Längsschnitt (Zeichnung: kklf Architekten)
Axonometrie (Zeichnung: kklf Architekten)
Neubau Kita Schönefeld
2020
Theodor-Fontane-Allee 3
12529 Schönefeld

Nutzung
Schulmensa, Hort, Kindertagesstätte, Kinderkrippe
 
Auftragsart
Zuschlag nach VgV-Verfahren
 
Bauherrschaft
Gemeinde Schönefeld
 
Architektur
kleyer.koblitz.letzel.freivogel gesellschaft von Architekten mbH Berlin
Timm Kleyer, Alexander Elgin Koblitz
Projektleitung: Hendrik Schwedler
Mitarbeit: Peter Kruse, Marten Anderson, David Land, Maria Neumeier
 
Fachplaner
HLS: Marko Augustat & Partner, Berlin
Elektro: IBG Ingenieurbüro Golz, Berlin
Freiraum: KuulaA Landschaftsarchitekten, Berlin
Brandschutz: hhpberlin Ingenieure für Brandschutz GmbH, Berlin
Bauphysik: GSE Ingenieur-Gesellschaft mbH, Berlin
Tragwerksplaner: Ingenieurbüro Rüdiger Jockwer GmbH, Berlin
 
Bauleitung
Christian Goebels, Berlin
 
Ausführende Firmen
Rohbau: Ost Bau Osterburger Straßen-, Tief- und Hochbau GmbH, Osterburg
Maurer: HB-Bau GmbH, Magdeburg
Fenster u. PR-Fassade: Radbruch GmbH, Greesenhorst
Stahl-und Metallbau: ER+TE Stahl- und Metallbau GmbH, Zerbst
Tischler: Johannes Staudt – Creative Inneneinrichtungen e.K., Dornburg
Tischler: PG Holzbearbeitung GmbH, Stahnsdorf
Türen: Jens Dunkel Glas- und Bauelemente GmbH, Burg
Sanitär, Energieanlagen-Nord GmbH, Neubrandenburg
Lüftung: KLB Heyne, Eisenhüttenstadt
Elektro: ZESE Zehdenicker Elektro Service GmbH, Berlin
Außenanlagen, Tief- und Landschaftsbau: Tieba GmbH, Lübben
 
Hersteller
Ziegel: Deppe Backstein-Keramik GmbH
Fenster: Gutmann Bausysteme GmbH
Holztüren: Bau- und Möbelschreinerei Ruß
Glas-Holzrahmentüren: Schörghuber Spezialtüren KG

Energiestandard
EnEV 2014, EEWärmeeG

Bruttogeschossfläche
5.851 m²
 
Gebäudevolumen
23.639 m³
 
Gebäudekosten KG 300 + 400
11.950.000 €
 
Gesamtkosten
16.100.000 €

Fotos
Christian Richters

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